Abenteuer Interrail – Nachtzug nach Cannes

– Auf ihrer letzten Station „träumte“ sich Mady Host nach Südfrankreich.

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arum nicht einmal mit dem Zug reisen, anstatt vom Flieger innerhalb kürzester Zeit direkt am Zielort ausgespuckt zu werden? Diese Frage habe ich mir im vergangenen Sommer in sechs verschiedenen Ländern beantwortet. Bisher war ich in Tschechien, Österreich, Slowenien, Italien und der Schweiz. Was ich dort erlebt habe, konnten Sie in den vergangenen Wochen hier lesen:

Heute führt uns die Reise an mein (vorerst) letztes Reiseziel, nach Frankreich.

Mady Host an der Küste Südfrankreichs

Ihren Stift und Block hat Mady für ihre Aufzeichnungen auch auf Reisen stets griffbereit

Einst ein Spektakel, heute Normalität

Zugfahren – seit Jahrhunderten der Inbegriff des Reisens, seit Wochen fester Bestandteil meines Lebens. Wenn ich mir vorstelle, wie die Menschen früher gereist sind, so kommen mir vor allem zwei Bilder in den Kopf: Ich sehe hohe Schiffsmauern mit einem Deck, auf dem sich Fahrgäste tummeln. Sie winken hinab zu denjenigen, die am Hafen zurückbleiben. Aber ich stelle mir auch vor – und diese Fantasie ist sogar noch lebendiger – wie eine Eisenbahn den Bahnhof verlässt. Langsam setzt sie sich in Bewegung, stößt zischend und kraftvoll dicken Dampf aus. Das Geräusch ihrer Maschinen klingt wie ein Herzschlag, der zunächst langsam geht, aber bald immer schneller wird. Ihr Signalhorn gibt einen selbstbewussten lang gezogenen Ton von sich. An den Gleisen stehen Menschen mit Taschentüchern und winken den aus den Fenstern schauenden Köpfen hinterher. Die Tränen werden vom Fahrtwind getrocknet, während die Zurückgebliebenen ihre Tücher sinken lassen, um sich damit das Gesicht abzutupfen. Früher waren die Menschen länger unterwegs, liefen Motoren nicht so schnell, lagerten schwere Lederkoffer in den Netzen alter Schienenfahrzeuge. Heute reisen wir rascher, komfortabler und mit leichterem Gepäck. Vor allem jedoch ist etwas, das vor Jahrzehnten noch etwas ganz Besonderes war, selbstverständlich geworden. Für viele ist der Zug ein wenig spektakuläres Verkehrsmittel, mit dem sie täglich zur Arbeit gelangen. Von Eisenbahnromantik dürfte kaum noch die Rede und das verklärte Bild der davonziehenden Bahn, welche die Landschaft in einen dichten Schleier aus Dampf hüllt, verblasst sein. Obwohl schon lange unterwegs, dringt aber genau diese Vorstellung heute in meinen Kopf. Warum? Vielleicht, weil eine besonders ausgedehnte und aufregende Fahrt vor mir liegt und das Bahnreisen für mich keine Alltäglichkeit ist.

Rein in den Nachtzug, auf ins glamouröse Cannes!

Um 19:34 Uhr beginnt die Tour in Zürich. Der folgende Halt ist Basel, von wo aus es weiter nach Mulhouse Ville geht. Planmäßig sollen wir um 9:04 Uhr am Folgetag in der südfranzösischen Filmfeststadt Cannes einfahren. Eine vergleichsweise lange Fahrt in einem Nachtzug erwartet uns. Im Flüsterton setzt die Dunkelheit ein, während wir von der Schweiz nach Frankreich brausen.
Ich bin gespannt auf die nächtliche Reiseerfahrung, die sich entschieden ankündigt. Das rapide vorbeirauschende Band aus Grün, wechselt seine Farbe ins Grau, dann in ein tiefes Schwarz, das bald nur noch von bunten Lichtern durchstochen wird.

Nomadenleben auf Schienen – eine schöne Erkenntnis

Beim Umsteigen schieben wir uns durch lange Gänge. Grelles Licht weist den Weg. Anzeigetafeln blinken, einfahrende Züge quietschen, als hätten sie Schmerzen. Menschen mit üppigem Gepäck eilen an uns vorbei. In der vom Kunstlicht ertränkten Dunkelheit, als ich gerade einen Schritt vor den anderen tue, um das nächste Gleis zu erreichen, wird mir etwas sehr deutlich bewusst: Mit dem Rucksack auf dem Rücken umherzuziehen, auf Schienen von Ort zu Ort zu gleiten, anzukommen, um wenig später wieder zu gehen, ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Seit vier Wochen bin ich nun schon unterwegs und wie ein Uhrwerk funktioniert mein Kopf, der den Beinen das Signal gibt, weiterzugehen, einzusteigen, auszusteigen … Eine Routine, die mir sehr vertraut geworden ist. Meine Neugier, mein Hunger auf neue Erfahrungen, fremdartige Umgebungen sind jedoch keinesfalls in diesem Rhythmus erstickt. Noch immer kribbelt es in meinen Fingerspitzen, fahre ich in einen weiteren Bahnhof ein. Spannung, Vorfreude, Neugier gehören zu mir, egal wie natürlich dieses Nomadenleben geworden ist. Ein Gefühl, in das ich mich kuschle, wie in eine warme Decke. Vertrautheit auf der einen Seite, Aufregung und Entdeckerdrang auf der anderen – was gibt es Schöneres?

Frankreich – Leben, um zu essen

Zu den Köstlichkeiten auf dem Teller und im Glas gehören Baguettes, Croissants, Käse und Wein. Im Gegensatz zu uns Deutschen, die essen, um zu leben; leben die Franzosen, um zu essen. So entspannt sie am Tisch sein sollen, so verbissen gelten sie, wenn es um ihre Sprache geht. Angeblich stellen die Landesbewohner auf stur, sofern man nicht wenigstens versucht, Französisch zu kommunizieren. Sie sollen kompromisslos darauf beharren, dass in ihrem Land nur ihre Sprache erklingt.
Was in Süddeutschland die Lederhose ist, soll hier die Baskenmütze sein? Dabei handelt es sich um eine aus Wolle oder Filz hergestellte Kopfbedeckung, aus deren Mitte ein kurzer Stummel ragt. Die Fantasie vieler Nichtfranzosen projiziert Scharen von baskenmützentragenden Männern auf die Straßen der romantischsten Hauptstadt der Welt.
Damit bin ich auch schon bei meinem letzten Merkmal angelangt: Paris gilt wie kaum ein anderer Ort als Inbegriff der Liebe. Finde ich mich womöglich weinselig knutschend am Eiffelturm wieder, während ich – mit Wanderschuhen bekleidet, ein Baguette unter den Arm geklemmt, eine Baskenmütze auf dem Kopf tragend – französisch spreche, weil mich sonst niemand verstehen will …?

Von den Bergen bis ans Meer

Sommerhitze in Cannes, Touristenflut am Meer, Regenstimmung im Landesinneren, außergewöhnliche Betonarchitektur an der Seine in und dreiste Hütchenspieler am Eiffelturm in Paris … all das (und noch viel mehr) erlebten wir in Frankreich – ein Land, das mich aufgrund seiner Verschiedenartigkeit und seiner Menschen, die wissen, wie man genießt, begeistert hat.

Fazit Frankreich – au revoir, Madame!

Baguettes, Käse, Croissants, Crêpes, Rotwein: Die Franzosen leben, um zu essen. Das tun sie verdammt gut. Der sanfte Geschmack eines cremigen Camemberts legt sich in Gedanken auf meine Zunge.
Und Paris? Die romantischste Hauptstadt der Welt? Ja? Nein? Vielleicht! Den Eiffelturm bei Nacht zu sehen, hell beleuchtet, glitzernd, ist bewegend. Ausdrucksstarker Straßenmusik zu lauschen, fühlt sich schön an. Bei Sonnenschein am Ufer der Seine zu spazieren, ist herrlich. Aber reicht all das aus, um romantische Gefühle im sprudelnden Überfluss zu produzieren? Ich gebe zu, dass mich offen sichtbare Liebesbekenntnisse am illuminierten Eiffelturm bewegt haben. Auch die bunt schimmernden Rikschas, die mit engumschlungenen Paaren durch die Pariser Nacht fuhren, entlockten mir den einen oder anderen tiefen Seufzer. Menschen, die begannen einander zu küssen, als der berühmte Eisenturm seine Millionen Glühbirnen aktivierte, sind schön anzuschauen. Dennoch würde ich der Metropole an der Seine nicht den Beinamen „Stadt der Liebe “ verpassen. Der Ort ist für mich eine von vielen interessanten europäischen Großstädten. Ich habe mich hier nicht verzauberter gefühlt als in Lissabon, Rom oder Weimar, um auch einmal vor der eigenen Haustür zu bleiben.
Mutig eine Sprache zu sprechen, die ich nur sehr spärlich kann, hat mich mit Stolz erfüllt. Wenn es einmal nicht weiterging, haben viele Franzosen auf Englisch umgeschaltet. Ich bin mit sehr offenen Menschen in Kontakt gekommen, die keinesfalls auf der ausschließlichen Anwendung ihrer Landessprache beharrten.
Was mir neben Gastfreundschaft und Herzlichkeit besonders gut gefallen hat, war die freundliche Anrede. Vor und nach jeder Begrüßung erklang ein vornehm gesprochenes „Madame“. Auf dem Weg zwischen Dusche und Zelt, mit einem grünen Mikrofaserhandtuch auf dem Kopf und vor Feuchtigkeit quietschenden Sandalen an den Füßen, fühlte ich mich nicht wie eine Madame, auch wenn ich es gemäß Übersetzung bin. Aber die sanfte Aussprache dieses schönen Wortes aus dem Mund eines Franzosen bessert es in meinen Ohren auf. Für mich klingt es sehr wertschätzend und hat mir oft ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert.

… et au revoir, liebe Leserinnen und Leser.

Esel an der Küste Südfrankreichs

Wer ist hier störrisch? An der Küste Südfrankreichs sind scheinbar auch Esel recht entspannt.

Die Reise endet und was bleibt, ist letztendlich nur eine einzige Feststellung: Egal, wohin es mich verschlug: Tschechien, Österreich, Slowenien, Italien, Schweiz und Frankreich: Ich bin herzlich, respektvoll und vollkommen vorurteilsfrei aufgenommen worden.

Nach sechs Wochen betrete ich den Bahnsteig meiner Heimatstadt Magdeburg und weiß jetzt schon: Das war nicht meine letzte Zugreise …

Bis dahin: Merci, et au revoir mesdames et messieurs!