Abenteuer Interrail – dem „süßen Leben“ auf der Spur

– In Folge 4 erzählt Mady von Gondeln und Bergen in Italien.

Warum nicht einmal mit dem Zug reisen, anstatt vom Flieger innerhalb kürzester Zeit direkt am Zielort ausgespuckt zu werden? Diese Frage habe ich mir im vergangenen Sommer in sechs verschiedenen Ländern beantwortet. Meine ersten Stopps habe ich in Tschechien, Österreich und Slowenien gemacht. Was ich dort erlebt habe, konnte man in den vergangenen Wochen hier nachlesen:

Heute führt uns die Reise nach Italien.

Venezianische Gondel mit Rialtobrücke im Hintergrund

Eine typisch venezianische Gondel. Im Hintergrund: die Rialtobrücke, eines der Wahrzeichen Venedigs

La dolce vita – Das süße Leben in Italien

Im Gegensatz zu Slowenien hatte ich keinerlei Probleme damit, Besonderheiten und auch Klischees zu finden. Pizza, Pasta, Eis, Rotwein – das sollen auf dem Teller beziehungsweise im Glas die kulinarischen Klassiker sein. Gepaart mit angeblicher Lebensfreude, Genuss, Gesang und Geselligkeit schmeckt das Essen wohl noch besser. Außerdem sei die Behauptung hinzugefügt, dass in Italien immer die Sonne scheint. Heraus kommt dabei: „La dolce vita“. Soll heißen: „Das süße Leben“ – bekannt seit Federico Fellinis gleichnamigem Film aus dem Jahr 1960. Wir verbinden damit die italienische Lebensart, die sich durch Luxus, Nichtstun und Vergnügungen auszeichnet.
Italiener kommen ständig zu spät und wollen angeblich immer gut aussehen – sowohl die Frauen als auch die Männer. Alle maskulinen Italiener seien Machos und baggern hemmungslos Frauen an, so lautet eine weitere Behauptung. Der Katalog der Stereotypen ist groß und ich möchte es hierbei belassen. Vor allem auf die Recherche zum letzten Punkt bin ich gespannt. Also dann Outdoorhose glatt gezogen, Wanderschuhe poliert, Haare gekämmt und auf in das Abenteuer Italien!

Venedig – Hinterhof, Katzenallergie und keine halben Sachen

Versehentlich zu Fuß nach Italien gelangt, dann in einem klapprigen Fiat Punto zum Bahnhof gefahren und von Menschenmassen in Venedig erdrückt, so beginnt unsere Zeit in Italien. In der Wasserstadt angelangt, finden wir keine preiswerte Unterkunft und fragen uns gerade durch ein verwinkeltes Viertel, als eine schlanke Frau mit kullerrunder Brille und hellblauer Schürze mit Katzenmotiv um die Ecke biegt. Sie spricht uns auf Englisch an: „Was sucht ihr?“
„Ursprünglich ein Mehrbettzimmer in einem Hostel. Mittlerweile einfach nur eine preiswerte Pension.“, erwidern wir beinahe im Chor.
„Preiswert könnt ihr in Venedig vergessen!“, schmettert sie uns die Wahrheit ins Gesicht.
Wir nicken enttäuscht. „Das haben wir auch schon bemerkt.“

„Habt ihr fünfzig Euro? Ich kümmere mich um die Katzen meiner Freunde. Sie sind im Urlaub, die Wohnung steht leer und ich darf sie zu diesem Übernachtungspreis vermieten.“
Diesem Angebot folgt ein ziemliches Hin-und-her: Ich beklage mich über meine Katzenallergie, die Katzenmummy bietet uns einen Alternativschlafplatz auf dem Hinterhof an. Wir willigen ein, solange bis wir feststellen, dass es keinen Zweitschlüssel gibt und wir uns einsperren lassen müssten, was wir ablehnen. Es folgt der finale Entschluss, doch noch zu bleiben, da wir in den Genuss des Erstschlüssels kommen. Die Frau, die sich uns als Susan vorstellt, vertraut uns nicht nur die Wohnung, sondern auch die Katzenpflege und -fütterung an.

In den folgenden Tagen bummeln wir durch die ziemlich überfüllte Stadt, naschen Eiscreme und gönnen uns eine Fahrt mit einer Gondelfähre. Das können wir uns leisten. Ansonsten ist der Gondelspaß nämlich ganz schön teuer. Zwischen achtzig und einhundert Euro müssen für vierzig Minuten einkalkuliert werden. Die Fähren hingegen kosten zwischen siebzig Cent und zwei Euro und überqueren den Canal Grande an verschiedenen Punkten, wie zum Beispiel bei Sant` Angelo sowie
am Rialto Fischmarkt-Ca D´Oro.

Auch plaudern mit unserer gastfreundlichen Katzenmummy. „Typisch deutsch?“ Sie zieht die Augenbrauen hoch und fährt mit den Händen über ihre farbenfrohe Katzenschürze. „Italiener lieben die Deutschen!“, beginnt sie. „Ihr seid strikt, macht keine halben Sachen und kein Wischiwaschi. Außerdem heißt es, die Deutschen seien gut im Bett!“ Wir lachen. Auf die Frage, was ihr außer den angeblichen sexuellen Kompetenzen noch in den Sinn kommt, fährt sie fort: Ihr trennt euren Müll und seid insgesamt sehr ordentlich. Italiener wären manchmal gern ein wenig deutscher!“ Überrascht schauen wir sie an. Das hätten wir nicht gedacht. Und die Italiener über sich? „Wir lieben es zu essen, zu trinken und einfach nur glücklich zu sein. Kulinarischer Genuss wird bei uns großgeschrieben. Es gibt so einige Italiener, die gern und sehr selbstbewusst behaupten, sie seien die besten Köche der Welt. Viele sind sehr emotional und ihre Familie ist ihnen das Wichtigste. Die Kids bleiben lange bei ihren Eltern wohnen. Sie werden sicherlich auch mehr verwöhnt und verhätschelt. Manche Männer kehren sogar wieder zu Mummy zurück, wenn sie geschieden sind.“

Und wir? Wir kehren vorerst weder zurück zu unseren Mummys, noch treten wir die Rückreise in unser Heimatland an. Es geht weiter nach Südtirol.

Dolomiten – Schlutzkrapfen mit Parmesan

In Südtirol, genauer im Gadertal, besuchen wir eine weitere Pilgerbekanntschaft, werden auch hier herzlich aufgenommen, mit Kost und Logis versorgt, lernen neue Menschen und die traditionelle Küche kennen. Bei unserer Ankunft in La Villa ist es noch nicht ganz dunkel, sodass wir in den Genuss einer atemberaubenden Landschaft kommen: Grüne Wiesen, Hügel, die Sonne, wie sie mit ihren letzten Strahlen die Berge der Dolomiten anlächelt.

Auch tagsüber bei unserer Wanderung zum Piz La Ila Hochplateau, einer leichten, aber teilweise sehr steilen Route, füllen wir unsere Lungen mit sauberer Bergluft, verspüren nach einigen Stunden einen gesunden Appetit und freuen uns auf die traditionelle Küche. Früher, als die Menschen körperlich noch sehr hart und ohne Hilfe von Maschinen arbeiteten, brauchten sie gehaltvolles Essen. Eine dicke Vollkorngerstensuppe, Spinat-Topfen, Schlutzkrapfen mit Parmesan und brauner Butter sowie Turtres, Teigtaschen nach Dolomiten-Art, finden den Weg auf unseren Tisch. Wie gut, dass wir uns tagsüber einige Kilokalorien abtrainiert haben.
Auf die Frage, was typisch deutsch sei, schwärmen unsere neuen Freunde von Oktoberfest, Weißbier und Volkswagen. Auch das Eltern-Kind-Verhältnis kommt zur Sprache: „Deutsche Eltern machen auch einmal ohne Kinder Urlaub und fühlen sich deshalb nicht gleich als Rabeneltern. Außerdem“, so schließen die beiden, „geben Deutsche besonders viel Trinkgeld!“
Wir packen noch einen Extra-Euro auf die Restaurantquittung und sind dann bereit, weiterzuziehen …

Fazit Italien – viel mehr als nur Pizza & Pasta

Ich habe köstliche Pizza vertilgt, Eis geschlemmt und den weltbesten Rotwein geschlürft. Allerdings erfuhr ich auch, dass Italien kulinarisch mehr zu bieten hat als Pasta und Tiramisu. Bei Gerstensuppe und Schlutzkrapfen – ein schönes Wort! – lernte ich eine ganz andere als die weltweit verbreitete italienische Küche kennen.
Von der so viel zitierten Unpünktlichkeit habe ich nichts mitbekommen. Sowohl die Züge als auch meine italienische Freundin aus Südtirol waren stets zur verabredeten Zeit da. Vom venezianischen Weinhändler Alberto lernte ich, „la dolce vita“ ist nicht viel mehr als ein romantisches Relikt vergangener Zeiten. Aufgrund der Wirtschaftskrise bleiben in Norditalien die italienischen Touristen aus. Auch das zeigt, dass die Landesbewohner andere Sorgen als Luxus, Nichtstun und Vergnügungen haben.
Überall Machos, die leidenschaftlich gern an allen Frauen herumbaggern? Ich habe das Gefühl, egal wie blond meine Haare sind, solange meine unlackierten Zehennägel in Sportsandalen stecken, mein Dekolleté von Funktionsstoff umhüllt ist und meine Unterschenkel aus den Hosenbeinen mausgrauer Shorts hervorstaksen, interessiert sich kein Italiener für mich. Das ist ein Umstand, der meine These widerlegt und mich eher erfreut als enttäuscht. Es wäre ja doch nur anstrengend, müsste ich mich nach jedem Pfiff umdrehen …

Über die Autorin Mady Host

Foto Mady Host

Mady Host, geboren 1985, lebt in ihrer Heimatstadt Magdeburg. Die studierte Sozial- und Gesundheitsjournalistin bereist von ihrem „Basislager“ aus die verschiedensten Länder – oftmals ausgerüstet mit Rucksack, Zelt und festen Wanderschuhen. Sie veröffentlicht Bücher, Blogtexte, Fotos und Videos über ihre Reisen.

Weitere Informationen und Tour-Stationen ihrer Lesereise: www.mady-host.de