Abenteuer Interrail – die Zeit vergessen im Land der Uhren

– In der Schweiz entdeckte Mady ihre Liebe zum Pilgern wieder.

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arum nicht einmal mit dem Zug reisen, anstatt vom Flieger innerhalb kürzester Zeit direkt am Zielort ausgespuckt zu werden? Diese Frage habe ich mir im vergangenen Sommer in sechs verschiedenen Ländern beantwortet. Bisher war ich Tschechien, Österreich, Slowenien und Italien. Was ich dort erlebt habe, gibt es kann man in den vorangegangenen Folge nachlesen:

Heute führt uns die Reise in die Schweiz.

Schild mit der Aufschrift Das Leben ist eine Baustelle

Das Leben als Baustelle – auf dem Pilgerweg konnte Mady das innerliche Chaos ins Gleichgewicht bringen.

Die Schweiz – Lila Kuh und Luxus?

Ähnlich wie bei Italien fiel es mir auch bei der Schweiz nicht schwer, Dinge zu finden, die mit der Alpenrepublik in Verbindung gebracht werden. Cremige Schokolade, aromatischer Käse – neben diesen Leckereien gelten literarische Figuren wie Heidi, Peter und der Alm-Öhi als typisch schweizerisch. Die Autorin Johanna Spyri schuf mit ihren Romanen ein noch heute weit verbreitetes romantisches sowie idealtypisches Bild ihres Heimatlandes.
Auf eine Alm gehören Kühe. Die Wurzeln bekannter Schokoladenhersteller liegen in der Schweiz, weshalb ich davon überzeugt bin, hier garantiert mindestens ein lilafarbenes Tier anzutreffen. Kommt es zu nah, werde ich es mir mit meinem Schweizer Taschenmesser vom Leibe halten.

Mady Host mit einer Kuh auf einer Schweizer Alm

Schokoladenbraun statt lila – die lila Kuh suchte Mady auf der Alm vergeblich.

Den Bewohnern dieses Landes sagt man einen übertriebenen Zwang zur Pünktlichkeit nach. Außerdem seien sie langsam und leiden an einem extremen Sauberkeitsfimmel.
Die Schweiz – ein teures sowie reiches Land, in dem gierige Investmentbanker leben und es von Bankautomaten nur so wimmelt? Ich werde es herausfinden …

Wir pilgern durch die Schweiz

Wir wollen zum Bodensee, wo der Schweizer Jakobsweg beginnt. Jakobsweg? Ist der nicht in Spanien? Nicht nur! Die Bezeichnung „Jakobsweg“ umfasst eine Anzahl verschiedener Pilgerwege durch ganz Europa. Das angebliche Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela ist Bestimmungsort der Wallfahrer. Mich hat es wieder gepackt: Das Pilgerfieber.

Nach Wallfahrten auf dem Camino Francés, dem Klassiker, und dem Küstenweg wusste ich: Einmal Pilgerin, immer Pilgerin! Auf Jakobs Wegen zu wandeln, hat etwas Magisches. Gelbe Pfeile und Muschelsymbole deuten dem Wanderer die Richtung und erzeugen das Gefühl, durchs Land getragen zu werden. Jeden Tag zu gehen, stundenlang zu laufen, öffnet Herz und Verstand, macht durchlässiger, aber auch stärker. Auf Menschen zu treffen, die alle das gleiche Ziel verfolgen – irgendwann in Santiago de Compostela einzutreffen – schafft eine unsichtbare Verbindung.

Ein besonderes Spannungsfeld liegt für mich darin, in einem Land, das wie kaum ein anderes mit Geld in Verbindung gebracht wird, als genügsame Pilgerin unterwegs zu sein. Cornelia und ich möchten am Wegesrand zelten, (gezwungenermaßen) aufs Duschen verzichten, keine Genussmittel konsumieren. Einzig Schokolade klammere ich aus. Laufen, schlafen, essen, nur für das Nötigste Geld ausgeben. Das ist der Plan …

Preiswert übernachten – aber wie?

Von unserer neu gewonnenen Pilgerfreundin Jacqueline wissen wir, wildes Campen ist verboten. Unsere eigene Recherche hatte ergeben, dass die Regelungen von Kanton zu Kanton variieren sollen. Gesetz hin oder her: Wir wollen den Tipp unserer Pilgerfreundin befolgen. Sie empfahl uns, die Besitzer von Ländereien ausfindig zu machen, um bei ihnen nach einem Platz für unser Nachtlager zu fragen. Nicht zu wissen, ob wir Abend für Abend einen gutmütigen Eigentümer finden werden, der uns das Campieren erlaubt, erfordert unser Vertrauen in diese Unternehmung. Da wir bisher viele gute Erfahrungen gesammelt haben, wollen wir das Experiment wagen. Wir rufen uns in Erinnerung, entspannt zu bleiben.

Mady Host schlägt ihr Zelt in einer Schweizer Scheune auf

Wild-Camping verboten – bei der Suche nach einem Zeltplatz war Mady Host auf die Gastfreundschaft der Schweizer Gutsbesitzer angewiesen.

Denn, wenn wir es zu sehr darauf anlegen, einen Platz zu bekommen, klappt es womöglich nicht. Ich habe den Jakobsweg bisher so kennengelernt, dass er auf Wünsche gern reagiert, nicht aber auf Forderungen. Wir äußern also die Bitte, uns nicht im Regen stehenzulassen und uns ein kleines Fleckchen Erde zu schenken.
Kurze Zeit später campieren wir zwischen Heuballen, Elektrozaun und Kuhstall. Frisches Trinkwasser dürfen wir am Stall zapfen – mehr brauchen wir nicht. Proviant haben wir im letzten Ort gekauft.

Tag für Tag, immer weiter …

Wir bewältigen innerhalb von sechs Tagesetappen insgesamt etwa 90 Kilometer zu Fuß. Wir plaudern mit Kühen und Maulwürfen, erfahren von ernsthaften Hochzeitsabsichten, übernachten in einer Traktorscheune, verzweifeln auch einmal mit völlig kaputt gelaufenen Füßen auf der Suche nach einem weiteren Schlafplatz und landen letztendlich überglücklich am Kloster Einsiedeln, dem Ziel unserer Pilgerwoche.

Am Ziel!

… also jetzt, wo sich die Wallfahrt ihrem Ende neigt, frage ich mich, ob ich noch weitermachen würde, wenn ich keine Verabredungen in Zürich sowie Frankreich hätte. Ich habe mich auf das Ankommen gefreut. Gleichermaßen bedauere ich es, ab morgen keinem Pfad mehr zu folgen. Die Zeit, die ich auf dem Jakobsweg verbrachte, war zu kurz, um richtig und vollkommen in das Pilgerleben einzutauchen. Uns ist es in dieser Woche gelungen, vieles von dem zu erleben, was eine Pilgerreise ausmacht: Genügsamkeit, Muskelschmerz, Dankbarkeit, Freundschaft, gutes Wetter und schlechtes. Auch eine Krise hat es geschafft, sich in unsere Erfahrungskette einzureihen. Dennoch bleibt diese kurze Zeit eine Kostprobe, nur eine Art Schnuppern an der Hauptspeise. Ich komme also zu dem Schluss, dass ich gern noch einige Zeit länger in diesem Land, auf diesem Weg verbringen würde, es aber auch okay ist, weiterzuziehen. So freue ich mich ehrlich auf die nächste Station, auf ein weiteres Land, auf neue Eindrücke.

Fazit Schweiz – es geht auch sparsam!

Ich möchte mit der Äußerung, die mich am meisten überrascht hat, anfangen: In einem Land, das für Reichtum und hohe Lebenshaltungskosten bekannt ist, habe ich preiswerter denn je gelebt. Die Nacht auf dem Campingplatz am Bodensee war günstiger als das slowenische Pendant, in der Pilgerherberge in St. Gallen schliefen wir kostenlos und auch auf Wiesen, Kuhweiden und in Scheunen durften wir gratis campieren. Beim Lebensmittelkauf griffen Cornelia und ich auf Billigmarken zurück, die nur in manchen Fällen etwas teurer waren als die deutsche Entsprechung. Mit dem Verzicht auf Restaurantbesuche und Hotelnächte lässt es sich hier, zumindest als Pilgerin, für eine bestimmte Zeit preisgünstig leben.

Mady Host bei der Rast mit einem Hund

Tierischer Freund – auf dem Schweizer Jakobsweg traf Mady nicht nur nette Menschen.

Apropos nicht kostspielig: Sowohl die Käse- als auch Schokoladenkostproben, die in unseren Einkaufswagen landeten, waren bezahlbar und vor allem sehr schmackhaft. Die gelben Milchprodukte schienen meistens so cremig zu sein, dass das gute Schweizer Taschenmesser keine Probleme mit dem Zurechtschneiden hatte.
Unter all den Kühen, die ich in dieser Woche nicht nur riechen und muhen hören durfte, war jedoch kein einziges Exemplar im lilafarbenen Gewand dabei. Auch die drei Romanfiguren aus Johanna Spyris Erzählungen haben sich versteckt gehalten. Dabei hätte ich so gern mit Peter die Geißböcke zusammengetrieben …
Wie übertrieben pünktlich das Volk ist, kann ich nicht sagen, da es bei Pilgerreisen auf eines am allerwenigsten ankommt: Fristgerechtes Erscheinen. Ähnlich verhält es sich mit der Behauptung, die Schweizer seien langsam. Wer den Sinn des Pilgerns verstanden hat, wird während seiner Reise nicht
hetzen. Auf der Basis meiner Erlebnisse kann ich deshalb keinen Rückschluss auf das generelle Lebenstempo der Landesbewohner ziehen.

Einige Vorurteile konnte ich vom Tisch fegen, manche bestätigen. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit meinen Erfahrungen findet ihr hier …

Über die Autorin Mady Host

Foto Mady Host

Mady Host, geboren 1985, lebt in ihrer Heimatstadt Magdeburg. Die studierte Sozial- und Gesundheitsjournalistin bereist von ihrem „Basislager“ aus die verschiedensten Länder – oftmals ausgerüstet mit Rucksack, Zelt und festen Wanderschuhen. Sie veröffentlicht Bücher, Blogtexte, Fotos und Videos über ihre Reisen.

Weitere Informationen und Tour-Stationen ihrer Lesereise: www.mady-host.de