Abenteuer Interrail – unter Bären in Slowenien

– In ihrem Reisebericht erzählt Mady von Ängsten, türkisfarbenen Flüssen und freundlichen Bahnwärtern.

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arum nicht einmal mit dem Zug reisen, anstatt vom Flieger innerhalb kürzester Zeit direkt am Zielort ausgespuckt zu werden? Diese Frage habe ich mir im vergangenen Sommer in sechs verschiedenen Ländern beantwortet. Meine ersten Stopps habe ich in Tschechien und Österreich gemacht und hier darüber berichtet. Heute führt uns die Reise nach Slowenien. Ab dieser Station reise ich übrigens nicht mehr allein, sondern werde von meiner Freundin Cornelia begleitet. Also: Mit doppelter Womanpower geht es weiter …

Slowenien – im Land der Braunbären

Der Name eines Landes, zu dem ich zunächst keine eigenen Bilder im Kopf habe – nur die Fotos einer Freundin, die vor einigen Jahren dort Urlaub gemacht hat. Ich erinnere mich daran, wie sie von Berglandschaften, türkisfarbenen Flüssen und grünen Wiesen schwärmte. Als Natur-Liebhaberin steht für mich fest: Ich schaue mir den Triglav Nationalpark an – ein Areal in den Julischen Alpen, das zu den ältesten Naturschutzgebieten Europas zählt.
Auf der Suche nach Typischem oder gar Klischees gehe ich beinahe leer aus. Was ist schon typisch slowenisch? Bei meiner Recherche finde ich dann doch noch etwas heraus: Die Slowenen gelten als besonders gastfreundlich, gesellig und sangesfroh. Sie seien auch sehr trinkfest, eine Eigenschaft, die vielleicht der Sangeslust förderlich ist.
In Slowenien soll es deftiges Essen und wohl auch Braunbären geben. Ohje. Ich bin ein ziemlicher Angsthase, wenn es um große Tiere in freier Wildbahn geht. Lebewesen, die größer und schwerer sind als ich, flößen mir ordentlich Respekt ein. Was rede ich da? Ich habe auch Angst vor Spinnen und bin bisher nur noch keinen Exemplaren begegnet, die mich in meiner Körpergröße überragten.
Egal! Spinne und Bär, hin oder her: Ich freue mich auf dieses Land!

Triglav Nationalpark: Flussrauschen statt Bärensichtung

Bohinjska Bistrica – Der Ort liegt ein kleines Stück außerhalb der Nationalparkgrenzen im Zentrum der Region Bohinj, östlich des Bohinjsko Sees. Das grünblaue Gewässer gehört zum Nationalpark, liegt auf einer Höhe von 525 Metern, ist etwa vier Kilometer lang, gut einen Kilometer breit und bis zu 45 Meter tief. In seiner Umgebung gibt es Campingplätze, Hotels und gut erreichbare Ausgangspunkte für Bergtouren.

Ihr werdet sie nicht sehen, aber sie sehen euch.
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Direkt am sanft rauschenden Fluss bauen wir das Lager auf, setzen uns auf eine Isomatte und genießen Brot, Käse, Tomate und slowenisches Dosenbier unter freiem Himmel. Wir sind uns einig: In dieser Einfachheit, auf dem Boden sitzend, mit Flussrauschen im Ohr und abendlichem Wind in den Haaren spüren wir pures Glück. Nebenan duftet es zwar sehr köstlich nach Meeresfrüchtepfanne in Knoblauchöl, aber wir haben nicht das Gefühl, etwas zu vermissen. Ganz im Gegenteil …

In den folgenden Tagen erkunden wir die Umgebung wandernd, jedoch nicht ohne uns in der Tourist-Information über die heimische Fauna schlau gemacht zu haben. Auf meine Frage: „Gibt es hier Bären?“ hieß es: „Ja, hier leben Braunbären. Seid jedoch unbesorgt, denn die Tiere beobachten ihre Umgebung, ohne aus ihrem Versteck zu kommen. Ihr werdet sie nicht sehen, aber sie sehen euch.“ Na Klasse! Mit dieser Auskunft geht es mir ja ganz wunderbar.
Offensichtlich bemerkt die Fremdenverkehrsfrau meine Besorgnis und fügt hinzu: „Es besteht keine Gefahr. Die Tiere sind sehr scheu. Ehrlich.“
Tatsächlich überleben wir all unsere Tour ohne Begegnung mit Meister Petz und freuen uns auf einen ganz besonderen Ausflug …

Unterwegs mit Bahnwärter Aleksander

Bei unserer Ankunft am Bahnhof von Bohinjska Bistrica lernten wir den Bahnwärter Aleksander kennen. Wir kamen miteinander ins Gespräch und zum Abschied übergab er uns seine Telefonnummer, zusammen mit dem Angebot, uns persönlich per Auto sein Land zu zeigen. Wir riefen ihn an und verabredeten uns zum Sonntagsausflug.

Pünktlich zehn Uhr stehen wir wie verabredet auf dem Campingparkplatz an Aleksanders silberfarbenen Familienkutsche. Einen dicken Autoatlas in den Händen demonstriert er die für heute geplante Route. Er blättert munter durch die Straßenkarten und zeigt uns immer mehr Orte, die wir anschauen sollten. Dann erkundigt er sich nach unseren Wünschen. Wir versichern ihm, dass wir uns voll und ganz auf seine Vorschläge verlassen und dem nichts hinzuzufügen haben. Und dann geht es auch schon los. Ich sitze vorn, Cornelia hinter mir. Die folgende Stunde läuft so ab, dass wir fahren, fahren und fahren. Auf schmalen Asphaltstraßen schlängeln wir uns durch die Wiesenlandschaft. Weiße, dichte Wolkenbänder schmiegen sich um die Berge, Heuballen lagern am Wegesrand, Blumen blühen. Wir drehen eine große Runde durch die Umgebung und Aleksander versucht uns so viel wie möglich zu erklären. Nach einer ausgiebigen Mittagspause, einer Wanderung zur Quelle des Flusses Soča, Besuch bei Aleksanders Schwester, Museumsbesichtigung und vielen Highlights mehr, eröffnet uns Aleksander, dass er plant, uns persönlich in Ljubljana, Sloweniens Hauptstadt, abzusetzen. Wir wollten eigentlich mit dem Zug dorthin fahren, aber unser Eisenbahner überrascht uns mit seiner Aussage: „Es ist das Beste, wenn ich euch nach Ljubljana fahre. Halb sieben fährt der letzte Zug. Das ist zu knapp. Bis dahin werden wir noch nicht alles angeschaut haben, was ich euch zeigen will.“
Wir werfen einander einen erstaunten Blick zu. „Das ist lieb von dir. Danke. Aber die Fahrt in die Hauptstadt dauert doch sicherlich zwei Stunden?“, äußern wir unsere Bedenken.
Aleksander winkt ab: „Kein Problem. Das mache ich gern.“

Ljubljana – verliebt in „die Geliebte“

Ljubljana bedeutet „Die Geliebte“. Ich verstehe bestens, warum das so ist. Bereits gestern Abend – nachdem Aleksander uns abgesetzt hat – habe ich mich in diesen Ort verliebt. Heute lerne ich ihn besser kennen und meine Gefühle verstärken sich. Auch unser zweites Date verläuft romantisch. Ich denke, da könnte mehr draus werden …
Ljubljana, du bist nicht zu groß und auch nicht zu klein. Du bist weder zu leise noch zu laut. Du bist alt und doch jung geblieben. Du bist farbenfroh und gut gekleidet und nachts leuchtest du. Du hast einen hervorragenden Musikgeschmack und verstehst etwas von Kunst. Kurzum: Mit dir fühle ich mich wohl.

Es ist eine moderne und kompakte Stadt mit ansehnlichem Kulturerbe, deren Größe genau richtig ist, um menschlich zu bleiben.

Meiner Liebeserklärung möchte ich noch hinzufügen, dass „meine Geliebte“ ein fantastischer Ort ist, dessen Besuch sich lohnt, auch wenn es hier keine weltberühmten Sehenswürdigkeiten gibt. Reiche Geschichte, Tradition, Stil, Kunst und Kultur und eine Atmosphäre, die mitteleuropäisch und zugleich mediterran ist, können punkten. Es ist eine moderne und kompakte Stadt mit ansehnlichem Kulturerbe, deren Größe genau richtig ist, um menschlich zu bleiben. Ein Ort mit jungem und dynamischem Lebensrhythmus, zu dem rund 50.000 Studenten beitragen. Ljubljana – eine der kleinsten und charmantesten Hauptstädte Europas – so steht es in einem Flyer des Tourismusbüros. Für mich ist das keine platte Werbung, sondern die Wahrheit.

Fazit Slowenien

Vor der Reise tat ich mich schwer damit, festzuhalten, was typisch slowenisch ist. Nach langem Suchen stieß ich auf die Behauptung, die Slowenen seien gastfreundlich, gesellig und sangesfroh. Gastfreundlich-Fragezeichen? Gastfreundlich-Ausrufezeichen! Jemanden wie Aleksander zu finden, gleicht einem wahren Glücksgriff. Doch nicht nur bei dem gutmütigen Bahnwärter und seiner Schwester haben wir uns willkommen gefühlt, sondern auch in Restaurants, beim Trampen, in Touristenbüros. Von weit mehr als einer Person hörten wir den Satz: „Danke, dass ihr in unserem Land zu Gast seid!“
Unseren Freund Aleksander und auch seine Schwester haben wir als gesellige Menschen erlebt. Wie gut und gern die Slowenen singen, vermag ich – mangels Beweismaterial – leider nicht zu beurteilen. Ebenso wenig kann ich die Trinkfestigkeit einschätzen. Unser treuer Fahrer hat sich pflichtbewusst verhalten und zum Mittagessen nur mal am Rotwein genippt.
Landschaftliche Vielfalt und gutes Essen: Das waren Dinge, die den Slowenen zu ihrem eigenen Land einfielen. Ich füge hinzu: Viele Toilettentüren, die nicht abzuschließen waren, und Sauberkeit – sowohl auf Straßen, Campingplätzen, im Hostel und – besonders bemerkenswert – in öffentlichen WCs.
Slowenien: Vor wenigen Tagen war es für mich noch ein Land ohne Gesicht. Jetzt hat es strahlende Augen, eine sympathische Nase und vor allem einen lachenden Mund! Ihr lieben Slowenen: Wir haben zu danken, nicht Ihr!