Warum die Bahn das bessere Café ist

– Marvin Wanders in seiner Kolumne über Kaffee und Inspiration

Eines vorweg: Der Titel kann täuschen.

S

o viel Mühe sich der nette Bordbistrobedienstete auch gegeben hat – der Filterkaffee, den er mir in einem Pappbecher serviert, schmeckt zwar überraschend ordentlich – mit dem meines Lieblings-Cafés kann er leider dennoch nicht mithalten.

Aber schließlich bin ich hier nicht in einer edlen Privatrösterei, sondern in einem öffentlichen Verkehrsmittel. Und ist der Grund, warum wir Zeit in Cafés verbringen, überhaupt die feine Röstung?

Ein Café ist ein Ort, an den Menschen gehen, um ein bestimmtes Getränk zu trinken, das sie zuhause in gleicher Qualität günstiger bekommen. Es muss also einen anderen Grund geben.

Ich glaube: um Menschen zu beobachten. Um an ihrem Leben teilzuhaben. Wie Facebook, nur offline.

Geht das nicht genauso gut auf einer Bahnfahrt, frage ich mich. Und da ich ohnehin ein paar Stunden Zugfahrt vor mir habe, stelle mir vor, ich säße in einem alten Wiener Kaffeehaus.

Je mehr Zeit ins Land geht, desto überzeugter bin ich, dass die Bahn sogar das bessere Café ist.

Denn Homogenität kann den Beobachter ganz schön langweiligen: Hipster im Hipster-Café, Rentner im Rentner-Café. Gleich und Gleich gesellt sich halt gern.

Die Bahn dagegen schaltet für mich auf Shuffle-Mode. Ein bunter Schnitt durch die Gesellschaft. Alter, Geschlecht, Beruf, Herkunft. Nächster Halt: neu gemischt.

Ich beobachte eine Business-Frau, die die Bahnfahrt durch ihren Mac so effizient wie möglich gestalten möchte. Zeit ist Geld.

Ich beobachte einen Mann in Outdoor-Jacke, der träumend die Landschaft genießt, seine Füße auf dem Wanderrucksack. Zeit ist Genuss.

Ich beobachte eine alte Dame, die verzweifelt versucht, ihre umhertollenden Enkel im Zaum zu halten. Kommt Zeit, komm Rat.

Ich beobachte einen Jugendlichen, dessen Kopfhörerlautstärke bei „Maximum“ zu klemmen scheint. Kommt Zeit, kommt Tinnitus.

Ich beobachte unterschiedliche Dynamiken: Menschen, die auf die letzte Minute in den Zug sprinten. Andere hechten heraus. Ich beobachte Menschen, die in aller Ruhe schlafen, die Fensterscheibe als Kissenersatz.

Dann unterhalte ich mich mit meinem Gegenüber. Bordeaux-rotes Jacket, dünnes graues Haar. Er ist Theaterautor. Ob er auch finde, dass man in der Bahn das Schauspiel der Menschen fast so gut beobachten könne wie im Café, frage ich.

Er lacht, als hätte ich etwas Naives gesagt. Heute fahre er nur aus einem einzigen Grund mit der Bahn: um Inspiration für die Charaktere seines neuen Stückes zu bekommen.

Seinen Kaffee hat er selbst mitgebracht.

Über Marvin Wanders

Marvin Wanders

Marvin Wanders, 31, ist freiberuflicher Texter, Blogger und passionierter Traveler. Mit seinem Rucksack reiste er durch weltweit fast 50 Länder – um dann festzustellen, dass er ein Land ziemlich vernachlässigt hat: Deutschland. Das holt er nun nach. Seit Juli 2015 bloggt er darüber, wie er seine Heimat kennenlernt. Und schreibt hier, was ihm auf seinen Fahrten mit der Bahn passiert.

Seinen Blog Have You Seen Germany findet man unter have-you-seen.com und bei Facebook.

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