Die Bahn als rollendes Büro – geht das?

– Thorsten Kolsch hat es getestet und gibt Tipps.

E

s ist wieder einer dieser Momente, in denen ich genug von Alltagsroutinen habe. Ich muss mal wieder durchatmen, meine Projekte neu ordnen und mich mal auf eine Sache fokussieren. Meine Lösung: Ich fahre zum Bahnhof und setze mich für ein paar Stunden in einen Zug.

Eines vorweg: Die Bahn taugt nicht als rollendes Büro. Jedenfalls nicht, wenn man auf Rollcontainer, Leitz-Ordner, Bürodrehstühle, feste Arbeitszeiten und ständige Unterbrechungen Wert legt. Wenn man aber wie ich ein digital arbeitender Mensch ist, dann kann man sich ruhig mal überlegen, für ein paar Stunden den Arbeitsplatz in einen Zug zu verlegen. Wenn ich die Landschaft an mir vorbeiziehen sehe, kann ich mich nun mal am besten konzentrieren. Ich werde mit Getränken am Platz bedient und die Leute, die vor und hinter mir sitzen, kenne ich in der Regel nicht. Niemand da, der mich stört und mich anspricht.

Ein gewöhnlicher Arbeitstag im Zug – statt im Büro

Thorsten Kolsch mit Laptop im Zug

Das Büro ist dort, wo er seinen Laptop hinstellen kann - Thorsten Kolsch bei der Arbeit im Zug

Heute fahre ich sechs Stunden einfach so von Hamburg nach München. Mein Arbeitstag startet zunächst ziemlich gewöhnlich: Der Smartphone-Wecker klingelt, ich stehe auf, ziehe mich an, checke den DB Navigator und suche nach der nächsten Verbindung. Ich fahre mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof und steige in den ICE nach München. Was für Viele nach Pendelstress klingt, ist ein recht gewöhnlicher Arbeitstag für mich.

Am Sitzplatz angekommen, sehe ich schon einige Menschen, die ihren Arbeitsplatz zumindest für ein bis zwei Stunden in ein rollendes Büro verwandelt haben. Sie nutzen die Zeit mit Arbeit, da sie entweder pendeln müssen oder weil ihr Arbeit- oder Auftraggeber sie auf Reisen schickt. Allein im Jahre 2014 fuhren 2,9 Millionen Geschäftsreisende aus beruflichen Gründen mit der Deutschen Bahn. Zu ihnen darf ich mich auch zählen. Zudem nutze ich die Bahn auch bewusst als Arbeitsort – nicht nur als Mittel zum Zweck.

WLAN im Zug

Ich erinnere mich an Tim Chimoy, ein digitaler Nomade, den ich einmal in Berlin kennengelernt habe. Ich hole mein Notebook aus dem Rucksack, wähle mich in das Bord-WLAN ein und schreibe ihm eine E-Mail. Wie nutzt er die Zeit beim Reisen? Seine Antwort kommt prompt: „Nach Bremen bin ich mal zu einem Kunden gefahren. Drei Stunden hin, drei Stunden zurück – für eine 30-Minuten-Besprechung. Das macht nur dann Sinn, wenn man die Fahrtzeit auch als Bürozeit nutzt.“ schreibt mir Tim. Auch die Bloggerin Christine Neder hat für sich das Arbeiten im Zug entdeckt und gleich ein Video draus gedreht.

Zurück zu meinen Mitreisenden, zu Julia. Sie ist 32 Jahre alt und pendelt regelmäßig von Hannover nach Hamburg. Sie arbeitet täglich etwa sechs Stunden vor Ort bei ihrem Arbeitgeber. Den Hin- und Rückweg nutzt sie zur Vorbereitung von Meetings oder zur Nachbearbeitung eines Arbeitstages..

Es sind also nicht nur die digitalen Nomaden, die von der Infrastruktur der Deutschen Bahn profitieren. Viele Geschäftsreisende, Selbstständige und Studenten haben die Vorteile des Arbeitens im Zug bereits für sich entdeckt. Werden wir einmal konkret:

Welche Tools kann ich an Bord eines Zuges nutzen?

Für die technische Grundausstattung, also Notebook oder Smartphone, muss natürlich zunächst einmal jeder selbst sorgen. Die Bahn kümmert sich darum, dass der Saft niemals ausgeht. In der 2. Klasse teilen sich zwei Sitze eine Steckdose, in der 1. Klasse hat sogar jeder Sitz eine Steckdose. Außerdem hat jeder Sitz eine verstellbare Rückenlehne, einen Klapptisch, um das Notebook darauf zu stellen und es gibt WiFi in fast jedem ICE.

Wie ist die Arbeitsatmosphäre vor Ort?

Man ist nicht alleine und hat doch seine Ruhe. Wenn man nicht gerade in der Gruppe reist, ist schließlich niemand da, der etwas von einem will. Ein großer Vorteil gegenüber einem Großraumbüro.

Wo bekomme ich meinen „Bürokaffee“ her?

Der Kaffee wird in der Regel von den Mitarbeitern des Bordrestaurants oder von Caterern an den Platz gebracht. Hinzu kommen die wechselnden und frisch zubereiteten Gerichte im Bistro oder Restaurant.

Was muss ich beim Thema Sicherheit beachten?

Wie in jedem Büro, sind Standards wie Datenschutz und Sicherheit unbedingt einzuhalten. Es ist daher immer ratsam die Tasche mit seinen persönlichen Unterlagen mit auf das WC oder ins Bordbistro zu nehmen. Ebenso verhält es sich mit den digitalen Daten auf dem Bildschirm. Wer vertrauliche Dokumente bearbeitet, sollte sich einen Platz ohne Nachbarn oder einen Einzelplatz suchen. Mein Tipp: Ein Blickschutzfilter, den man auf den Monitor klemmt.

Sollte ich Telefongespräche im Zug führen?

Auch hier steht das Thema Datenschutz im Vordergrund. Vertrauliche Gespräche sollten außerhalb des Zuges verlegt werden. Ansonsten ist insbesondere in Ballungsgebieten die Telefonqualität ganz ordentlich. Auf dem Lande gibt es hier noch Nachholbedarf. Mein Tipp: Läuft das Bord-WiFi zuverlässig, einfach Skype oder WhatsApp-Anrufe nutzen. Ansonsten: Froh sein, wenn das Telefon mal still ist. Im Flugzeug geht’s ja auch.

Wie funktioniert das mit dem Internetzugang?

In der 1. Klasse und 2. Klasse gibt es WLAN kostenlos. Kleines Manko: Bei hoher Auslastung, ist die Internetverbindung nicht immer die Beste. Tipp: Ich versuche sämtliche Offline-Aufgaben auf Zugfahrten zu legen, etwa das Verfassen von E-Mails, Erstellen von Präsentationen oder Kalkulationen, das Schreiben von Texten und Konzepten.

Funktionieren Meetings im Zug?

Kleinere Meetings im Zug abzuhalten ist bei einer Größe von zwei bis vier Teilnehmern gar kein Problem. Dazu reserviert man am besten einen Vierertisch oder, sollte es ein vertraulicheres Meeting sein, gleich ein ganzes Abteil, das auf bis zu sechs Personen ausgerichtet ist. Sitzplatzreservierungen können direkt bei der Buchung des Tickets vorgenommen werden. Weitere Informationen stehen hier zur Verfügung.

Wann ist die beste Reisezeit zum Arbeiten?

Reisezeit gleich Arbeitszeit. Doch wann ist die beste Zeit, vorausgesetzt man kann es sich aussuchen? Grundsätzlich immer dann, wenn die Pendler-Rushhour vorbei ist. Dazu zählen von Montag bis Sonntag sehr frühe oder sehr späte Züge, oder wochentags nach und vor der Rush-Hour-Zeit. Also dann, wenn alle anderen im Büro sitzen.

Der meistunterschätzte Mehrwert:

Während viele Schreibtischtäter in einem Großraumbüro sitzen und von der Außenwelt abgeschnitten sind, zieht in meinem Fall halb Deutschland an mir vorbei. Ich beobachte die Landschaft, die Sonne, die Berge und die Täler. Zwischendurch einfach mal nicht auf das Notebook schauen – das geht hier wunderbar.

Jetzt ist nur die Frage, für wen lohnt sich ein Arbeitsleben im Zug? Der Preis für eine durchschnittliche Fahrt von Hamburg nach München liegt natürlich höher, verglichen mit einem Tag in einem Coworking-Space. Doch für Fahrgäste mit BahnCard 50, oder wie in meinem Fall als BahnCard 100-Kunde, ist eine Zugfahrt die perfekte Investition in einen angenehmen Arbeitsplatz.

Heute habe ich wieder Einiges geschafft. Ich habe ein vollständiges Konzept geschrieben und an einer Powerpoint-Präsentation gebastelt. Einen Wagen weiter ist das Bordbistro. Eine Gruppe Mallorca-Urlauber grölt einen Party-Song. Sie stören mich nicht, denn sie wollen ja nichts von mir. Genauso wenig wie das sehr aufgeweckte Kind, das eben durch den Wagen rannte. Unterschiedliche Generationen und Lebenssituationen an einem Fleck – das inspiriert, macht kreativ, und funktioniert wohl nur hier.

Thorsten Kolsch

Thorsten Kolsch, 35, ist Unternehmer, Autor und Medien-Profi mit Spezialisierung auf Content Marketing. Nach über zehn Jahren Angestelltenleben im Musikbusiness hat er sich selbständig gemacht. Heute berät er Firmen und Agenturen bei der Konzeption und Realisierung großer Web-Projekte. Im Internet findet man ihn unter thokomedia.de. In seinem Dokumentarfilm „Deutschland zieht aus“ spricht Kolsch mit erfolgreichen Internetunternehmern und fragt, worauf es beim Leben als digitaler Nomade ankommt.

Den Film „Deutschland zieht aus“ kann man ab sofort unter deutschland-zieht-aus.de downloaden. Hier geht’s zum Trailer.