Bahnfahrt mit Perspektivwechsel

– Marvin Wanders in seiner Kolumne über Blickwinkel und Sitzrichtungen

Panisch scannt sie das Abteil. Ihre Blicke wandern. Mit kurzen Schritten huscht die hagere Mittvierzigerin durch den ICE, der sich in diesem Moment in Bewegung setzt.

Ihre Blicke scheinen zu sagen: Da vorne? – Nein.

Dort hinten? – Auch nicht.

Beladen mit einer Mischung aus Enttäuschung und Verzweiflung lässt sie sich in den Sitz mir gegenüber fallen. Jeder in der nun voll besetzten Vierer-Sitzgruppe spürt ihr Unbehagen.

Warum ist sie so nervös: Ticket vergessen? WC defekt? Espresso-Überdosis?

„Geht es Ihnen nicht gut?“, frage ich, nachdem ich ihr einen Moment Zeit gelassen habe, um sich zurechtzufinden. „Doch, doch, es ist nur…“ stammelt sie. „Ich kann einfach nicht mit dem Rücken in Fahrtrichtung sitzen.“

Auf mein Angebot, unsere Plätze zu tauschen, schallt mir ein derart inbrünstiges ‚Ja!‘ entgegen, wie ich es mir von meiner Zukünftigen im Moment des Antrags erhoffe. Wir tauschen die Plätze und es scheint, als fiele eine Zentnerlast von ihren Schultern. Auf einmal wirkt sie entspannt und zugänglich. Und unser Vierer kommt ins Gespräch:

Dass er sich gerade eben entgegen der Fahrtrichtung hingesetzt habe, wirft der füllige Rentner ein, der nach unserem Platzwechsel nun neben mir, ja fast auf mir sitzt. Sicherer sei das schließlich, wenn es mal zu einem Unfall komme. „Dann flieg´ ich nicht durch die Gegend, sondern bleibe schön in meinem Sitz. Reine Physik.“ Und ziemlich altruistisch, denke ich mir.

Die Vierte im Bunde, eine Kunststudentin im dritten Semester, betrachtet das Ganze aus einem eher progressiv-philosophischen Blickwinkel: „Ich sehe lieber, was da draußen auf mich zukommt. Wie im Leben: Besser nach vorne schauen als zurück.“ Wir nicken.

Es vergehen weitere 30 Minuten. 30 Minuten, in denen vier fremde Personen über Gott und die Welt, vor allem über das eigene Verhältnis zur Fahrtrichtung sinnieren. 30 Minuten, in denen auch Rentner und Studentin ihre Plätze tauschen – um die Perspektive des Anderen am eigenen Leibe zu testen.

Als Um- und Ausstiege unsere Runde auflösen, frage ich mich: Wird es mir auch in Zukunft völlig egal sein, ob ich in oder gegen Fahrtrichtung sitze?

Ich denke drei Sekunden nach und lege mich fest: ja, völlig schnurz.

Aber ich muss schmunzeln. Über eine Bahnfahrt, die wie im Fluge verging, über einen unverhofften Perspektivwechsel – und darüber, zum ersten Mal seit meinem siebten Geburtstag wieder ‚Reise nach Jerusalem‘ gespielt zu haben.

Über Marvin Wanders

Marvin Wanders

Marvin Wanders, 31, ist freiberuflicher Texter, Blogger und passionierter Traveler. Mit seinem Rucksack reiste er durch weltweit fast 50 Länder – um dann festzustellen, dass er ein Land ziemlich vernachlässigt hat: Deutschland. Das holt er nun nach. Seit Juli 2015 bloggt er darüber, wie er seine Heimat kennenlernt. Und schreibt hier, was ihm auf seinen Fahrten mit der Bahn passiert.

Seinen Blog Have You Seen Germany findet man unter have-you-seen.com und bei Facebook.