Zukunftspläne: Bahnhöfe schrumpfen und wachsen

– Interview: Was Bahnhöfe von morgen leisten.

F liegende Stationen und vertikale Abstellgleise: Es gibt viele Visionen von der Eisenbahn der Zukunft. Dass sich Bahnhöfe neu erfinden müssen, ist angesichts des steigenden Verkehrsbedarfs unausweichlich. Doch was ist möglich? Professor Dr.-Ing. Markus Hecht, Leiter des Fachgebiets Schienenfahrzeuge an der Technischen Universität Berlin, sagt: „Fantasie ist gut. Aber wir sollten die Realität nicht vergessen.“ Ein Gespräch über den Bahnhof der Zukunft – und seine Grenzen.

Herr Professor Dr. Hecht, in 40 Jahren werden etwa zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Welche Bedeutung hat die Bevölkerungsentwicklung für den Zugverkehr?

Es gibt keinen Zweifel: Wir werden immer mehr Passagiere mit dem Zug befördern müssen. Das liegt nicht nur am Bevölkerungswachstum. Es liegt auch an den Klimaschutzzielen. Bis 2050 soll der CO2-Ausstoß im Verkehr auf Null sinken. Momentan ist das utopisch – zumindest, wenn diese Einsparung im Flugverkehr oder im Straßenverkehr erreicht werden soll. Emissionsfreien Transport können wir nur im Eisenbahnverkehr sicherstellen. Deshalb ist es wichtig, diesen Sektor zu stärken.

Sind Bahnhöfe auf den erwarteten Ansturm der Passagiere vorbereitet?

Bahnhof der Zukunft Grossbritannien

Viele Menschen müssen innerhalb kürzester Zeit umsteigen können. Wenn sich Bahnhöfe nicht weiterentwickeln, ob in Deutschland oder anderswo, droht der Schienenverkehr aus den Fugen zu geraten.

Wie lässt sich ein Kollaps im Zugverkehr abwenden?

Moderne Bahnhöfe dürfen nicht fertig sein. Das klingt auf den ersten Blick merkwürdig. Aber ein Beispiel macht diesen Gedanken deutlich: Der Hauptbahnhof in Zürich etwa wurde so gebaut, dass er Veränderungen zulässt. Bei Bedarf können neue Gleise im Untergrund verlegt werden. Bei der New York Central Station ist es ähnlich. Unter dem Bahnhof wird momentan ein neuer Bahnhof mit acht Gleisen gebaut, ohne – und das ist das Entscheidende – den Bahnbetrieb zu beeinträchtigen. In Zukunft stelle ich mir vor, dass sich Bahnhöfe erweitern lassen. Und bei Bedarf auch flexibel verkleinern lassen.

Sie meinen: Bahnhöfe können wachsen und schrumpfen–vielleicht sogar täglich?

Ja, das ist denkbar. Wenn weniger Passagiere befördert werden, etwa zur Nachtzeit, könnten Gleise automatisch „untertauchen“ und verschwinden. Ebenfalls könnten sich Bahnsteige dynamisch verkürzen, weil die Züge kürzer sind. Und die Empfangshalle könnte schrumpfen. Auf diese Weise wird das Gebäude kleiner. Das ist auch für die Sicherheit von Bedeutung.

Inwiefern?

In Zukunft müssen wir schauen, wie wir die Kriminalität eindämmen. Bahnhöfe sind unübersichtlich und daher ein guter Ort für Diebe. Das ist bekannt. Bei schlecht genutzten Verkehrsflächen ist das Sicherheitsgefühl beeinträchtigt. Je größer das Gebäude ist, desto mehr Sicherheitspersonal und Überwachungssysteme sind notwendig. Deshalb muss die Fläche so überschaubar wie möglich sein.

Moderne Bahnhöfe dürfen nicht fertig sein. Professor Dr.-Ing. Markus Hecht

Welche Rolle können Drohnen und intelligente Roboter für die Sicherheit in Bahnhöfen spielen?

Die Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz ist interessant. Sofern es verlässliche Systeme gibt, ist es vorstellbar, Drohnen, Erkennungsprogramme und automatische Interventionsroboter zu etablieren. Bereits heute existieren automatische Systeme, die das Verhalten von Personen analysieren. Wie weit wir hier denken können, hängt jedoch vom technischen Fortschritt ab. Und natürlich von datenschutzrechtlichen Aspekten.

Etwas weiter in die Zukunft geblickt: Wie beurteilen Sie die Vision „Horizon“ aus Schottland, der zufolge Bahnhöfe irgendwann wie Flugzeuge aussehen, Züge vom Gleis aufnehmen und sie über mehrere 1000 Kilometer in der Luft transportieren?

Dieser Überlegung liegt der Wunsch zugrunde, die Vernetzung zwischen den Verkehrsmitteln zu fördern. Eine Wartezeit zwischen Flugzeug und Zug wäre Vergangenheit. Ein sinnvoller Gedanke. Doch bei aller Liebe zur Fantasie: In diesem Jahrhundert werden wir so etwas kaum erleben. Denken Sie an die Fahrleitungen und die Stromkabel über den Gleisen. Züge während der Fahrt aufzuladen, ist nach aktuellem Stand kaum möglich.

Machbarer erscheint dagegen ein anderes Projekt: Der Hyper-Speed Vertical Train Hub, ein Wolkenkratzer, an dessen Fassade Gleise befestigt sind und Züge quasi in den Himmel wachsen.

Das ist vorstellbar. Höhe und Eisenbahn kombiniert. Angesichts der Platzeinsparung ist es ein nachhaltiges Modell für das Abstellen von Zügen. Doch wir sollten die Kosten hierfür nicht unterschätzen. Jemand muss das finanzieren. Und das halte ich für eine große Hürde.

Wenn wir an den Bahnhof der Zukunft denken, sollten wir unsere Vorstellungskraft also bremsen?

Bahnhof der Zukunft Tokyo

Ich will den Fortschritt keinesfalls verteufeln. Im Gegenteil. Vollautomatische Lokomotiven, die ohne Fahrzeugführer unterwegs sind oder Bahnhöfe, die sich selbst steuern, größer und kleiner werden: Das ist nur eine Frage der Zeit. Alles andere liegt jedoch in einer anderen Dimension. Fantasie ist gut. Aber wir sollten die Realität nicht vergessen.

 

Über den Geschäftsführenden Direktor des Instituts für Land- und Seeverkehr:

222Professor Dr.-Ing. Markus Hecht leitet seit 1997 das Fachgebiet Schienenfahrzeuge am Institut für Land- und Seeverkehr (ILS) der Technischen Universität Berlin und ist seit 2005 Geschäftsführenden Direktor des ILS. 1988 promovierte er zum Thema Gleislagemessung. Neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit ist Hecht unter anderem Fachgutachter für Schienenfahrzeuge bei der Deutschen und der Schweizerischen Akkreditierungsstelle DAKKS und SAS.