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DB Lounge taugt auch als Stundenbüro

– Thorsten Kolsch hat auf seinen Bahnreisen die besten Coworking-Spaces für Sie recherchiert.

Ich bin absolut kein Büromensch, stattdessen arbeite ich gerne und viel unterwegs in der Bahn. Diesmal habe ich mich gezielt auf die Suche nach geeigneten Coworking-Spaces gemacht.

Um das Fazit meiner Recherche-Reise quer durch Deutschland gleich vorwegzunehmen: Coworking-Arbeitsplätze sind nicht bloß ein Privileg für Selbstständige und Startups, sondern auch eine ernsthafte Alternative für Arbeitnehmer und Arbeitgeber zum Großraumbüro. Sie ermöglichen uns den Aufbau von Netzwerken, und sie schenken uns kreative Arbeitsräume. Sie helfen uns den Traum von einem selbstbestimmten und unabhängigen Arbeiten in die Tat umzusetzen. Wer es weniger pathetisch und eher praktisch mag: Sie  sind schlichtweg eine gute Alternative, wenn es darum geht, auf Geschäftsreisen den Leerlauf zwischen zwei Terminen sinnvoll zu überbrücken.

40 Prozent mehr Einnahmen dank Coworking?

Für alle, die etwas für diese Form des Arbeitslebens übrig haben oder sich gerade damit anfreunden, gibt es eine gute Nachricht: Immer mehr Arbeitsplätze entstehen, die mit digitalen Tools auskommen. Im Grunde betrifft dies jeden Büro-Arbeitsplatz – immerhin mehr als 17 Millionen Menschen in Deutschland. Eine Umfrage des Online-Magazins Deskmag.com unter 661 Coworkern aus 24 Ländern ergab, dass die Produktivität und die Interaktion in Coworking-Büros spürbar gesteigert werden konnte. Außerdem heißt es, dass etwa 40 Prozent ein höheres Einkommen seit ihrer Arbeit in einem Coworking-Space erzielen.

Hier meine Favoriten, bei denen ich auch die Gelegenheit genutzt habe, die Gründer und Besitzer zu ihrem Konzept und ihren Vorstellungen zu befragen:

 

„Früher waren Veranstaltungen und Besuche gute Gründe fürs Reisen.
Heute kommt die Arbeit hinzu.“
(Reinhard Wiesemann, Geschäftsführer Unperfekthaus)

Ich starte meine Reise in meiner Heimat, dem Ruhrgebiet. In der Essener Innenstadt, nahe des Einkaufszentrums Limbecker Platz, ist vor mehr als zehn Jahren auf 4.000 Quadratmetern eine Kreativ-Oase namens Unperfekthaus entstanden. Ich spreche mit Reinhard Wiesemann, dem Geschäftsführer des Coworking-Spaces. Doch wenn es nach Wiesemann geht, ist das Unperfekthaus viel mehr als das: „Mir geht es darum, den Coworkern ein breites Publikum zu verschaffen. Sie sollen auch mit großen Unternehmen, Investoren und anderen Kreativen in Kontakt treten können.“ Tatsächlich sehe ich nicht nur eine Aneinanderreihung von Schreibtischen mit Steckdosen. Ich sehe Ateliers, Konferenzräume, eine Dachterrasse, ein Restaurant und sogar ein angeschlossenes Hotel, mit dem das Unperfekthaus bewusst auch große Unternehmen anlocken will.

„Zahle nur dann, wenn du es auch nutzt!“
(Heino Weber)

Die Reise geht weiter in meine neue Heimat – Hamburg. Hier treffe ich Heino Weber und Achim Schulz im places. Die beiden haben sich vor gut drei Jahren überlegt, einen Coworking-Space zu entwickeln, der sich von den sogenannten Low-Budget-Coworking-Häusern abhebt. Betritt man das erste Mal die Räumlichkeiten, wird schnell klar, was gemeint ist: Den Besucher erwarten stylische Möbel, gemütliche Ecken, großzügige „Work Boxen“, eine einladende Schlafecke, für den Powe-Nap zwischendurch, und ein Café. Ach so, Schreibtische gibt es natürlich auch. Eigentlich sind Heino und Achim Einrichter. Sie statten Büros für andere Unternehmen aus. Mit places konnten sie ihre eigene Idee des optimalen und produktiven Arbeitens verwirklichen. Dabei erkennen sie einen Trend, gerade auch in großen Unternehmen: „Der klassische Arbeitsplatz bekommt Konkurrenz von warmen, loungigen Wohlfühl-Büros.“, so Heino Weber. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die meisten von uns arbeiten jede Woche bis zu 40 Stunden, oder mehr. Das ist sehr viel Lebenszeit und Premium-Arbeitsplätze, wie die vom places, bieten eine Alternative zum üblichen Büro-Gewusel.

 

„Der Trend geht zum Remote Office. (Katja Andes)“

Ich fahre weiter nach Berlin und setze mich zunächst ins Capital Beach, unweit des Berliner Hauptbahnhofs. Gleich kommt mich ein Freund besuchen. Bis dahin nutze ich die Zeit, beantworte ein paar E-Mails und telefoniere mit Katja Andes. Sie ist Mitgründerin des Idea Camps in Berlin. Mit dem angeschlossenen Creative Loft hat sie einen Raum geschaffen, an dem Startups und Selbstständige zusammen arbeiten können. Wer hier sein Büro bezieht, arbeitet nicht alleine. Gemeinsam mit Gleichgesinnten werden Geschäftsideen erarbeitet und umgesetzt. Seit einiger Zeit verfolgt Katja einen neuen Ansatz: Einen fixen Ort für den Austausch von Ideen findet sie gar nicht mehr erstrebenswert. „Ich wünsche mir, dass die Menschen in Zukunft freier arbeiten“, erzählt mir Katja und meint damit nicht bloß die Freiberufler. Sie kann sich sogar vorstellen, dass es in Zukunft auf eine Mischung aus Festangestellten-Dasein und Freelancing hinauslaufen könnte. Das macht flexibler, kreativer, produktiver und macht sich am Ende auch für das Unternehmen bezahlt. Katja ist davon überzeugt, dass das  sogenannte „Remote Office“ ein Arbeitsmodell der Zukunft ist. Hierbei geht es darum, dass jeder Mensch mit einem digitalen Business von jedem Ort der Welt aus arbeiten kann. So hatte Katja 2013 auch das Sunny Office gegründet. Hier treffen sich gleichgesinnte Unternehmer, um zusammen zu arbeiten und zu entspannen.

„Bei uns wird nicht gequatscht. Hier wird gearbeitet. Und Tischtennis gespielt.“
(Martina Ecklebe)

Martina Ecklebe von der Raumstation in Leipzig sieht den Trend ganz klar in Richtung Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Sie erzählt mir, dass gut die Hälfte ihrer Coworker in einem Angestellten-Job sind. Das hat mich überrascht. Oft sind es sogar Firmen, die den externen Arbeitsplatz bezahlen, weil sie entweder in der Unternehmenszentrale keinen Platz haben oder schlicht auf die individuelle Lebenssituation ihrer Mitarbeiter eingehen. Martina arbeitet eigentlich für eine Agentur in Göttingen. Für ihren Freund ist sie damals nach Leipzig gezogen – kein Problem für ihren Arbeitgeber. Die Raumstation ist nur ein Nebenverdienst für sie und ihre Geschäftspartnerin Jeanine Böger. „Die Raumstation macht keine Gewinne, aber sie trägt sich selbst und sorgt immerhin dafür, dass wir nicht für unseren Arbeitsplatz zahlen müssen“, erklärt Martina die Situation. Leipzig wird oft als das „kleine Berlin“ verniedlicht, dabei hat Leipzig beides: Idylle und Gemütlichkeit, aber auch den Charme einer Großstadt. Das Klientel der Raumstation variiert: „Wir haben Leute, die am Bahnhof aussteigen und sich einen Tag zu uns setzen, aber auch einige aus dem Ausland, die gleich mehrere Monate bleiben.“, so Martina.

 

Ich fahre weiter nach München. Am Hauptbahnhof angekommen, steuere ich die DB Lounge an und treffe Martina Römer. Sie ist die Teamleiterin der Lounges in München und Nürnberg. Was das mit Coworking zu tun hat? Seit gut sechs Jahren nutze ich die Bahn bewusst als Arbeitsplatz. Dazu zählen auch die fünfzehn DB Lounges in ganz Deutschland. „Viele wissen gar nicht, dass es das Angebot der DB Lounge überhaupt gibt“, berichtet mir Martina Römer. Dabei eröffnen sich mit dem bahn.comfort-Status, einer BahnCard 100 oder einem Ticket der 1. Klasse ganz neue Möglichkeiten des Arbeitens. Mehr als die Hälfte aller DB Lounge-Gäste sind Geschäftsreisende, die vor oder nach ihrem Anschlusszug ein paar Minuten der Ungestörtheit suchen.

Hier gibt es Kaffee, Softdrinks und WiFi umsonst, in der 1. Klasse sind auch Snacks und alkoholische Getränke inklusive. Auch Arbeitstische mit Steckdosen, wie in einem herkömmlichen Coworking-Space, findet man hier. Dementsprechend unterschiedlich ist die Nutzung: „Unsere Gäste halten sich zwischen 15 und 120 Minuten in der DB Lounge auf, wir begrenzen aber Niemanden“, so Martina Römer. Dabei macht die Lounge-Chefin eine interessante Beobachtung: „Früher war Freitag der meistfrequentierte Tag in einer DB Lounge, da sich die Pendler auf dem Weg ins Wochenende gemacht haben. Heute ist es zunehmend der Donnerstag.“ Es scheint, als würde der sich der Freitag als Home Office-Tag immer mehr bei Arbeitgebern durchsetzen. Die technischen Ansprüche ihrer Gäste seien in der DB Lounge hoch. Darum wird für nächstes Jahr in einigen DB Lounges eine Runderneuerung geplant. Den Anfang macht Hamburg. Hier soll eine Flagship-Lounge mit allen Annehmlichkeiten des mobilen Arbeitens entstehen.

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1 Antwort
  1. says:
    Total Klasse Idee ...

    ich bin viel unterwegs in den Lounges und jetzt auch als CoWorking-Space … das ist genau das was ich brauchen – weiter so – echt gut 🙂

    Ich hätte ja noch die Idee, dass man beim reservieren von Sitzplätzen angeben kann, welche Intressen man hat (z.B. Projektmanagement, Lean, Agile, Sprachen oder so) und man dann angezeigt bekommt, wenn im Zug jemand ähnliches unterwegs ist und ob man bei demjenigen Sitzen will – so dass Vernetzung und Austausch zustande kommt 🙂

    Wolfram Müller

    p.s.: ich liebe das Unperfekthaus (und das Hotel) – es ist absolut perfekt (darf man aber nie den Mitarbeitern sagen 😉

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