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Die Reisetrends der Deutschen in 2015

– „An der Küste gibt’s Fisch, Maultaschen bleiben bitte im Süden!“

So reisen die Deutschen: Wir haben Iris Hegemann, Leiterin Kooperationen und Fachthemen beim Deutschen Tourismusverband nach den aktuellen Reisetrends für die kommende Saison und den Reisegewohnheiten der Deutschen befragt.

Iris Hegemann

Iris Hegemann, Leiterin Kooperationen und Fachthemen beim Deutschen Tourismusverband

 

Welches sind die Trendreiseziele der Deutschen für den Sommer 2015?

Das Reiseverhalten entwickelt sich stetig, einen kompletten Bruch gibt es allerdings selten, es sei denn ein politisches Ereignis oder eine Naturkatastrophe verändern die Reisegewohnheiten. Die Top 3 Destinationen der Deutschen im Ausland sind unangefochten Spanien, Italien und die Türkei wobei Urlaubsreisen im eigenen Land mit etwa 30 Prozent den ersten Platz einnehmen.

In 2014 wurde auch vermehrt Griechenland gebucht; wie sich das nach der Wahl ändern wird, bleibt spannend. Auch Kroatien wird zunehmend stärker nachgefragt und Tunesien hat sich nach den Unruhen erholt, so dass Urlauber sich auch wieder dorthin trauen.

Der Vor- bzw. auch Nachteil der beliebten europäischen Reiseländer ist deren Austauschbarkeit. Es gibt eine Fülle von Angeboten, die sich kaum voneinander unterscheiden – vor allem was den Pauschaltourismus betrifft: Sonne, Meer, regionale Küche.

Generell spielt bei der Entscheidung für ein Urlaubsziel der Euro eine Rolle. Die Schweiz wird aus diesem Grund auch 2015 wieder Einbußen hinnehmen müssen. Sie ist für den Durchschnittsreisenden einfach unerschwinglich geworden. Auch Reisen in die USA sind stark vom Wechselkurs abhängig. Steht der Kurs schlecht, warten Reisende eben ab und der Reisewunsch wird verschoben.

Deutsche geben im Urlaub gerne viel aus und sind entsprechend gerne gesehen. Iris Hegemann

Im Urlaub selber schauen die Deutschen dann weniger aufs Geld: Sie geben gerne viel aus und sind entsprechend gerne gesehen. Im Durchschnitt 1071 Euro pro Person in 2014. Allerdings wollen Sie auch etwas für ihr Geld haben. Sie sind preisbewusst, haben aber auch einen hohen Qualitätsanspruch. Durch die Einführung des Euro ist Transparenz reingekommen, da man nun den direkten Vergleich hat. Ein Eis in Rom ist plötzlich wesentlich teurer als vielleicht an der Ostsee. Und da es nicht beim Eis bleibt, entscheidet der deutsche Urlauber preissensibel. Deutschland als Reiseziel hat davon stark profitiert. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt, und das ist den Deutschen wichtig.

Wo macht ein Deutscher in Deutschland am liebsten Urlaub?

Berge & Meer sind sozusagen Deutschlands Verkaufsschlager. Die am stärksten nachgefragten Urlaubsregionen neben den Alpen und Mittelgebirgen sind die Nord- und Ostsee. Jede vierte Reise geht an die deutsche Küste. Zugelegt hat vor allem die Schleswig-Holsteinische Ostseeregion. Das wird auch für 2015 erwartet.

Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis haben in 2014 drei Prozent mehr Deutsche im eigenen Land Urlaub gemacht als noch im Jahr davor. Das gilt auch für das Ausland. Hier rechnen wir mit einem Zuwachs von fünf Prozent derer, die aus dem Ausland kamen, um 2014 in Deutschland Urlaub zu machen.

Städtereisen sind dabei der stärkste Wachstumsmotor. Mit Berlin an der Spitze bilden München, Hamburg, Frankfurt und Köln die Top 5 mit den meisten Übernachtungsgästen.

Wird es Überraschungen geben, unbekanntere Ziele, die verstärkt nachgefragt werden? Was ist noch ein echter Geheimtipp?

Immer mehr Reisende entdecken Deutschland zunehmend als Wassersportrevier – dies vor allem in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die Mecklenburgische Seenplatte zum Beispiel, bietet als eines der größten zusammenhängenden Seengebiete Europas eine außergewöhnliche und einzigartige Landschaft. Für naturverbundene Urlauber und Genießer ein echter Geheimtipp. Zahlreiche Aktiv- und Erlebnisangebote findet man hier, die die Natur und Landschaft erlebbar machen. Das Angebot spricht vor allem naturverbundene Reisende an, die an Komfort aber nichts einbüßen müssen.

Welche Nischenprodukte erleben 2015 einen Boom?

Camping ist stark im Kommen. 2014 gab es einen Zuwachs von sieben Prozent. Immer mehr Urlauber schätzen das gute Preis-Leistungsverhältnis und die Kombinierbarkeit von Natur, Entspannung und Aktivurlaub. Dabei muss nicht auf Komfort verzichtet werden. Die Ausrüstung reicht vom einfachen Zelt bis zur luxuriösen Glamping-Unterkunft (Glamour & Camping) – je nach Vorlieben.

Früher wurde der Wohnwagen ge- bzw. das Zelt eingepackt und man ließ sich für drei Wochen auf einem Campingplatz nieder. Heute ist Camping weitaus mobiler, komfortabler und flexibler. Besonders Familien schätzen diese Art des Reisens. Viele Plätze sind am Wasser ob nun Fluss, See oder Küste – es bieten sich unendlich viele Möglichkeiten die Urlaubsform mit einer anderen zu kombinieren. Fahrrad- und Campingurlaub sei hier als ein Beispiel genannt.
Was deutsche Urlauber schätzen: Naturverbundenheit, Aktivurlaub und ein gutes Preis-Leistungsverhältnis finden sie beim Camping.

Bei Kurzurlauben wird eher spontan gebucht, hier bestimmt unter anderem auch das Wetter das Buchungsverhalten. Iris Hegemann

Auch die Nachfrage nach Fluss- und Hochseekreuzfahrten ist gestiegen. Neben den klassischen, sehr hochwertigen Angeboten, gibt es zunehmend attraktive Produkte im niedrigeren Preissegment. Des Weiteren haben die Veranstalter ihr Image erfolgreich aufpoliert. Eine Kreuzfahrt kann sich mittlerweile jeder leisten und es schippern längst nicht mehr nur Senioren übers Wasser.

Wie sieht es mit dem Thema Nachhaltigkeit aus?

Die Nachfrage nach nachhaltigen Angeboten steigt. Das hat damit zu tun, dass Aktivurlaub immer beliebter wird; sei es wandern, Rad fahren, Wassertourismus – Deutsche wollen im Urlaub aktiv sein und das Erlebnis in der Natur will nachhaltig erlebt werden. Dazu kommt, was zu Hause praktiziert wird: gesunde Ernährung, Umweltbewusstsein etc. wird auch auf das Urlaubsverhalten übertragen und am Reiseziel erwartet.

Wann planen deutsche Urlauber ihre Reisen, wie spontan sind sie?

Der große Jahresurlaub wird früh gebucht, ebenso die Kurzurlaube um Feiertage und Brückentage herum. Zum einen müssen viele Angestellte Anfang des Jahres ihren Urlaub beim Arbeitgeber einreichen, zum anderen werden die Ferienmonate stark nachgefragt, so dass man früh buchen muss. Bei Kurzurlauben wird eher spontan gebucht, hier bestimmt unter anderem auch das Wetter das Buchungsverhalten.

Was sind die bevorzugten Verkehrsmittel für Urlaubsreisen in Deutschland?

74,65 Prozent fahren mit dem PKW in den Urlaub, die Bahn steht mit 11,3 Prozent in 2014 an zweiter Stelle. Eine vermehrte Anreise mit der Bahn würden sich viele Regionen wünschen, die Schwierigkeit liegt allerdings bei der Mobilität vor Ort, die gewährleistet sein muss. Urlauber wollen sich auch am Reiseziel gut fortbewegen können. Eine gute Alternative ist die Anreise mit der Bahn mit einem Mietauto vor Ort zu verbinden. Wer im Urlaub die Bahn und den öffentlichen Nahverkehr nutzt, ist auch zu Hause eher bereit seine Gewohnheiten zu ändern und auf nachhaltigere Verkehrsmittel umzusteigen.

Spielt die Digitalisierung der Gesellschaft schon eine Rolle bei der Urlaubsplanung?

Online-Buchungen nehmen deutlich zu. Heute werden bereits ein Fünftel aller Ausgaben – vom Verkehrsmittel über Eintrittskarten bis zur kompletten Reise ­– online gebucht. Auch die Online-Recherche nach Urlaubszielen wird immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Bei 40 Millionen Smartphone-Nutzern in Deutschland ist es keine Überraschung, dass auch am Urlaubsziel ein uneingeschränkter Zugang zum Internet, zum Beispiel über WLAN erwartet wird. Urlauber sind zunehmend online und wollen es auch im Urlaub sein, extra Kosten werden dafür allerdings nicht akzeptiert. Das macht besonders ländlichen Regionen Probleme, wo die Abdeckung teils sehr schlecht ist. Hier muss für ein flächendeckendes Netz gesorgt werden.

Die Digitalisierung im Tourismus nimmt stetig zu. Gängige Angebote sind beispielsweise Barcodes auf Infotafeln in Museen, auf Wanderwegen oder in Städten, die eingescannt werden und über die die Touristen Informationen abrufen können.

Es gibt aber auch einen spürbaren Gegentrend. Auf der Thalasso-Insel Norderney beispielsweise gibt es spezielle Angebote, wo sich Gäste bewusst auf eine Digital-Diät setzen und die elektronische Nabelschnur kappen.

Urlauber legen viel Wert auf Authentizität: An der Küste gibt's Fisch, Maultaschen bleiben bitte im Süden. Iris Hegemann

Welche Herausforderungen kommen zukünftig auf Reiseveranstalter zu?

Urlauber sind sehr erfahren und sie werden immer anspruchsvoller. Die klassische Übernachtung mit Bademöglichkeit und eine nette Landschaft reichen nicht mehr aus. Sie erwarten neben guter Qualität auch eine hohe Erlebnisdichte. Urlauber wollen etwas erleben – möglichst außergewöhnlich soll es sein. Um dieses Bedürfnis zu befriedigen, müssen Veranstalter ein immer größeres Portfolio bereithalten, zum Beispiel Erlebnisangebote mit Kletter- und Rafting-Tour, Ayurveda-Relaxtage im Schlosshotel oder Schwimmen mit Pinguinen in den Spreewelten. Urlaub dient trotz Erlebnisfaktor der Erholung – diesem Spagat muss man gerecht werden. Viel Wert wird auch auf Authentizität gelegt: An der Küste gibt’s Fisch, Maultaschen bleiben bitte im Süden. Regionale und authentische Angebote und Produkte sind ein absolutes Muss. Wenn Veranstalter das schaffen, werden auch höhere Preise akzeptiert.

Welcher Stand auf der ITB ist Ihr persönlicher Tipp?

Auf keinen Fall verpassen sollte man den Brandenburg-Stand in Halle 12, Stand 101. In diesen habe ich mich vor circa fünf Jahren verliebt. Der Duft von Wald und das Vogelgezwitscher haben damals die Messebesucher in den Bann gezogen. Auch wenn das Konzept immer wieder erneuert wird, kann man Brandenburg hier wirklich entdecken und kommt schnell ins Gespräch.

Da sich Brandenburg mit Berlin zusammengeschlossen hat, die Bundesländer profitieren durch ihre Nähe voneinander, deckt man auch gleich zwei Ziele mit einem Besuch ab.

Auch der Stand der Deutschen Zentrale für Tourismus (Halle 12, Stand 102) ist einen Besuch wert, da man dort gleich das gesamte Deutschland-Paket abgreifen kann.

Und wohin fahren Sie dieses Jahr in den Urlaub?

Wie schon 2014 verschlägt es mich in die Uckermark zum Wasserwandern, dieses Jahr in Kombination mit einer Fahrradtour. Paddeln, den Wolken beim Wandern zusehen, gutes Essen, Natur erleben – so sieht mein perfekter Urlaub aus.

Vielen Dank für das Gespräch!

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