Die Zeit im Zug nutze ich kreativ

– Auch wenn es ab und zu mal wackelt: Die junge Künstlerin Nina Karkoschka zeichnet am liebsten im Zug.

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enn Sie im Zug Nina Karkoschka gegenübersitzen, halten Sie am Ende Ihrer Reise vielleicht ein gemaltes Portrait in Ihren Händen. Die Künstlerin zeichnet auf ihren Zugfahrten ihre Mitreisenden.

„Das Skizzenbuch ist mein ständiger Begleiter, natürlich auch bei Zugfahrten. Denn als Künstlerin zeichne ich, so oft es geht und gerade in der Bahn habe ich die nötige Zeit und Muße zum Zeichnen sowie eine unbegrenzte Zahl an Modellen. So entstehen auf meinen Reisen nicht nur schöne Porträtzeichnungen, sondern oft auch sehr nette Bekanntschaften.

Wenn ich in den Zug einsteige, mein Skizzenbuch auspacke und loszeichne, ist es immer wieder spannend zu sehen, wie mein Gegenüber darauf reagiert. Einige wenige wenden sich ab, andere fangen an zu kichern, weil sie nicht wissen, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen. Und wieder andere genießen es sogar.

Aufmerksamkeit kann ein wunderbares Geschenk sein

Eine Begegnung ist mir dabei besonders im Gedächtnis. Damals stieg ich zusammen mit meiner Galeristin in die Bahn von Kaiserslautern nach Hause ein. Uns gegenüber saß ein Mann mittleren Alters – mit kräftiger Statur, Brille, eher konservativ gekleidet. Wie so oft nahm ich den Stift in die Hand und legte los. Als ich meinem Gegenüber die fertige Zeichnung zeigte, war er schier überwältigt, wie gut ich ihn getroffen hatte. Er war unglaublich dankbar und blühte richtiggehend auf. Das war auch für mich toll, denn schließlich macht genau das ein gutes Porträt aus: wenn man es schafft, mit wenigen Strichen die Ausstrahlung und den Charakter eines Menschen herauszuarbeiten.

Offenheit und Experimentierfreude gehört dazu

Manchmal habe ich während der Fahrten nur wenig Zeit, mein Gegenüber auf Papier zu bringen. Doch oft bleibt auch mehr Zeit. Zum Beispiel habe ich mich im ICE von Mannheim nach Leipzig sehr nett und offen mit einer jungen, erfolgreichen Leistungssportlerin unterhalten. Und selbstverständlich habe ich sie währenddessen auch gezeichnet. Auf dieser Zugfahrt entstanden zwei wunderbare Porträts von ihr – ein Bild für meine Sammlung, das andere für sie, als kleines Dankeschön und bleibende Erinnerung. Solche Begegnungen sind natürlich besonders schön, weil man durch die Gespräche viele Facetten am Gegenüber entdeckt und die Persönlichkeit der porträtierten Person noch einmal ganz anders festhalten kann.

Augen sind der Zugang zur Seele

Ein wichtiges Element von Porträts sind die Augen, denn sie offenbaren die Seele eines Menschen. Sind die Augen eines Menschen gut getroffen, wird es meist auch ein aussagekräftiges Porträt. Viele sind überrascht, wie gut nicht nur ihr äußeres Erscheinungsbild sondern auch ihr innerstes Wesen zum Ausdruck kommt. Aber natürlich zeichne ich im Zug nicht nur Menschen, sondern habe mich zum Beispiel ein ganzes Jahr lang auch mit Schuhen beschäftigt. Sie sind wie ein Ausweis einer Person. Wie ihr Träger bekommen auch Schuhe im Laufe der Zeit Falten und Charakter und spiegeln sehr gut die Persönlichkeit des Menschen wider. Meine Schuhzeichnungen wurden sogar schon im Deutschen Schuhmuseum ausgestellt. Und wenn alles klappt, kann ich meine Leidenschaft für die Kunst demnächst auch an einer Kunstakademie professionell weiterentwickeln.“

Haben Sie wie Nina Karkoschka auch eine ausgefallene Lieblingsbeschäftigung bei Bahnfahrten? Dann verraten Sie uns gerne, wie Sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen.