Abenteuer Bahnfahrt: Eltern „packen aus“

– Schön-schräge Familien-Momente aus der Bahn

Es ist meist turbulent, manchmal chaotisch, immer unterhaltsam und oft einfach nur schön: Wenn Eltern mit Kindern in der Bahn auf Reisen gehen, können sie später eine Menge erzählen. Hier kommen einige von ihnen zu Wort und erzählen von schön-schrägen Bahn-Momenten. Der ein oder andere wird sich sicher wieder erkennen…

Alarm im Fast-Food-Express

Robert Schwarzenböck, München

Abenteuer Bahnfahren Robert Schwarzenböck der Rabenfather

Die Bahn muss ich immer mit einem meiner peinlichsten Momente verbinden. Meine Tochter ist fünf Jahre alt, als ich mit ihr am Münchner Hauptbahnhof, beladen mit McDonald’s-Tüten in den Zug nach Garmisch einsteige. An einem Tisch über vier Plätze breiten wir uns aufs Fettigste aus, um unser Festmahl auf der Zugfahrt zu vernichten. Da fällt mir ein, dass wir noch gar kein Ticket haben. Der Automat steht direkt vor dem Zug, ich sehe ihn durchs Fenster, zwei Meter entfernt von mir am Bahnsteig, und wir haben noch zehn Minuten Zeit. Ich also: „Bleib kurz sitzen, ich hol schnell ein Ticket und bin gleich wieder bei Dir“.

Ich bin kaum draußen, als ich meine schreiende, heulende, rot angelaufene Tochter von innen am Zugfenster kleben sehe, an dem Rotz und Tränen runterlaufen. Ein Klassiker der optischen Täuschung: Der Zug auf dem Nebengleis war gerade angefahren und sie glaubt, sie würde selbst mit dem Zug losfahren – ohne mich! Ganz allein! Mit 5! Also ich wie der geölte Blitz wieder rein in den Zug, wo alle Fahrgäste das schreiende Kind inmitten von McDonalds-Tüten anstarren – und dann mich. Angewidert vom Rabenvater. Ich bin dann mit ihr zusammen wieder raus, habe das Ticket gekauft, bin mit ihr wieder rein, wo sie noch eine halbe Stunde und mehrere Burger-, Pommes-, Sprite und Chicken McNuggets-Portionen braucht, um sich wieder zu beruhigen. Die Story kann ich mir heute, neun Jahre später, jedes Mal wieder anhören, wenn meine Tochter sauer auf mich ist.

Der Super-Schaffner

Holger Bierendt, Hamburg

Abenteuer Bahnfahren Holger Bierendt der Superschaffner

Wer schon einmal eine Bahnreise mit Kindern geplant und vollzogen hat, weiß genau, dass sich die monatelange Vorfreude auf den Trip im Super-Zug innerhalb nur weniger Durchfahrtsbahnhöfe auch mal in Langeweile verwandeln kann. In solchen Fällen hilft Peter Gitzen, Zugbegleiter mit eigenem Fanclub und „Eisenbahner mit Herz 2012“, gelegentlich auch als „Beliebtester Schaffner Deutschlands“ bezeichnet. Wir hatten das Glück, den Superhelden auf Schienen im IC leibhaftig anzutreffen. Uniform: perfekt sitzend, Grinsen: engagiert und ehrlich. Und nach dem Fahrkartencheck legte Gitzen dann auch schon los: „Wer möchte denn mal eine Zugdurchsage machen?“ Unser Sohn Anton war außer sich vor Freude. Bevor der nächste Bahnhof kam, wurde trainiert und Text gelernt. Für die anderen beiden Kids schnappte sich der „Eisenbahner mit Herz“ eine Gitarre, die er ein paar Waggons vorher gesehen hatte und sang mit ihnen Pippi- Langstrumpf-Songs. Aber nicht nur bei uns schlug die Stimmung von Langeweile in Frohsinn über. Gitzen zog diverse Polonaisen durch den Zug auf, und irgendwann kam natürlich die lang erwartete Durchsage von Anton: „ Wuppertal!! Alle aussteigen! Am besten links!! Einen schönen Tag!“

Von diesem Reisetag im Zug berichten unsere Kinder immer noch gerne. Der Name Peter Gitzen ist eingebrannt und fortan musste jeder Schaffner auf unseren Reisen die Frage nach dem berühmten Kollegen ertragen, der jeden Zug in eine Gute-Laune-Oase verwandeln kann.

Die Tiefschläferin

Frank Hägele, Hamburg

Abenteuer Bahnfahren Die Tiefschläferin Frank Hägele Hamburg

Denke ich an Bahnfahren, muss ich an Schlafen denken. Als meine Tochter noch klein war, drei Jahre alt, sind wir von München nach Hamburg gefahren. Irgendwann schlief sie im Zug auf meinem Schoß ein. In Hamburg angekommen, schlief sie noch immer. Ich packte sie in den Kinderwagen, wir fuhren anschließend mit dem Bus weiter. Zuhause ging es gleich ins Bett. Marta hat die ganze Zeit kein Auge aufgemacht. Am nächsten Morgen totale Verwirrung bei ihr: ‚Papa, wie sind wir überhaupt nach Hause gekommen?’ Eine geschmeidigere Reise kann ich mir nicht vorstellen.

Lecker, Scheibe!

Gerrit Lerch, Hamburg

Abenteuer Bahnfahren Lecker Scheibe Gerrit Lerch Hamburg

ICE von Hamburg nach Berlin, unser Sohn Elliot ist zwei Jahre alt. Meine Lebensgefährtin Daniela und ich haben vorher ständig gecheckt, ob er auch seinen Schal trägt, sich brav die Hände wäscht, weil er so krank war. Nur kurz haben wir uns mal weggedreht. Den Moment nutzte Elliot, um genüsslich die Scheibe abzuschlecken. „Lecker!“, frohlockt der Genießer. Seitdem sind wir nicht mehr penibel. Das Kind kann offensichtlich eine Menge ab. Vielleicht sind die Bahnscheiben aber auch klinisch rein. Ebenfalls denkwürdig war eine Reise mit dem Nachtzug nach Wien. Eliott liebt das, weil sein Lieblings-Buchheld auch Nachtzug fährt. Für Daniela wird der Trip zur Tortur, weil Eliott unbedingt mit in ihr Bett will. Nun sind die Nachtzugbetten für zwei Leute natürlich eher ungeeignet. Mit uns im Abteil eine ältere Dame, die recht laut verdaut. Ich amüsiere mich blendend, für Eliott war es die schönste Fahrt überhaupt. Tja, Daniela musste leider etwas leiden.