Ich sehe was, was du nicht siehst!

– Warum Fantasie für Kinder das Gegenteil von Langeweile ist.

Was sie lernen, wenn sie träumen. Wie sie auf fantastische Reisen gehen: Jawohl, eure Majestät, die Kutsche steht bereit, bitte einzusteigen, Prinzessin, wohin soll die Reise gehen? Oh nein, da vorn am Horizont, das Schiff der gefährlichen Piraten, versteckt den Schatz, hisst die Segel, wir werden ihnen entkommen!

Wer gemütlich vor sich hinfährt im ICE, weiß nicht unbedingt, wer da tatsächlich neben ihm sitzt im Bordrestaurant oder im hinteren Abteil. Hallo, das ist doch die zauberhafte Prinzessin in der rosaroten Kutsche, gezogen von ihren beiden Lieblingseinhörnern! Und der da vorn, der Kleine mit der Zahnlücke, der gedankenverloren an einem halben Apfel kaut? Käpt’n Furchtlos auf seinem Schiff Donnerdrachen, das es mit jeder windigen Piratenschaluppe aufnimmt!

Das Zugabteil wird zur Ritterburg

Kinder gehen auf Fantasiereise und machen sich unterwegs ihre Welt, wie sie ihnen gefällt: „Ich esse Apfelkuchen, den Oma gebacken hat – der ist heute zwar nur aus Luft, und die Kuchengabel ist ein Bauklotz, aber egal, schmeckt trotzdem!“ Wenn Kinder spielen, können sie sich auch mit Imaginärem beschäftigen.

Das Zugabteil ist die Ritterburg, der Siebenjährige ihr unerschrockener Verteidiger. Kindliche Vorstellungskraft ist groß und das Gegenteil von Langeweile.

Aber Fantasiereisen sind nicht nur Zeitvertreib. Kinder lernen auch eine Menge, wenn sie Gedankenspiele spielen. Während sie sich in Rollen und Situationen hineinversetzen, üben sie soziale und sprachliche Fähigkeiten: „Du bist das kranke Kind und hast ganz hohes Fieber. Ich lege dir einen kalten Waschlappen auf die Stirn, dann ist es wieder gut!“

Im Rollenspiel verarbeitet das Kind, was es erlebt, es ahmt Erfahrungen nach und lernt aus ihnen. Es ist Krankenschwester, Superheld oder gute Fee, fühlt sich stark, kann in seiner Vorstellung Verantwortung übernehmen wie die Großen. Der Weg ins Erwachsenenleben wird auch geübt auf den Traumpfaden der Fantasie.

Hier trainiert ein Kind sein Verständnis für Ursache und Wirkung: Wenn ich das tue, passiert dieses und jenes, ohne dafür Risiken eingehen zu müssen – Fantasie-Essen gibt es auch ohne echten Hunger.

Vorlesen bringt das Kopfkino in Gang

Fantasie ist bunt und aufregend. Und sie ist bescheiden. Die Papierserviette wird zum Piratenhut. Der Gummiring, der die Brotdose verschließt, zum Prinzessinnengeschmeide.

Wenn wir vorlesen und erzählen, können wir einiges beitragen zum kindlichen Kopfkino. Geschichten sind eine Art fliegender Teppich für die Fantasie. Hier entdecken Kinder neue Welten, die ihre Vorstellungskraft beflügeln – wie wäre es, Pippi Langstrumpf zu sein und auf Herrn Nilsson davonzureiten? Kreative Pausen beim Lesen oder Erzählen bringen die Traumwelt zusätzlich in Schwung und zusammen können Eltern und Kinder eigene Versionen von Geschichten entwerfen: „Was wäre, wenn Annika genauso frech wäre wie Pippi?“

Bilder betrachten, in Zeitschriften, Büchern oder einem vergessenen Prospekt aus dem Gepäcknetz, kann neue Welten öffnen: „Wenn du auf dieser Palmeninsel wärst, was würdest du machen?“ – „Ein Lagerfeuer und Fische braten, die ich gefangen habe!“ Schon ist aus der Reisewerbung, eigentlich für Erwachsene gedacht, ein Kinder-Abenteuer-Kosmos geworden.
„Fantasie“, sagt der Gehirnforscher Gerald Hüther, „ist das Zusammenfügen von Erinnerungsspuren und Erfahrungen zur Kreation einer eigenen Gedankenwelt.“

So würden Kinder das eher nicht ausdrücken. Sondern eher so: „Ich bin die Prinzessin und du der Pirat, und du darfst in meiner Kutsche mitfahren, weil zusammenfahren mehr Spaß macht.“

Unsichtbare Freunde hat fast jedes dritte Kind

Fantasie spielt für Kinder eine andere Rolle als für Erwachsene. Wir Großen träumen uns aus dem Alltag heraus. Vielleicht, weil die Arbeit nervt, oder das Liebesglück auf sich warten lässt. Kleine verstehen ihre Welt mithilfe von Fantasie. Sie suchen in ihr Erklärungen für die vielen neuen Erfahrungen, auf die sie täglich treffen.

Der Staubsauger zum Beispiel: Mit großem Getöse lässt er Dinge verschwinden. Warum? Vielleicht isst der Staubsauger alles, was ihm schmeckt. Aber kann man wissen, ob ihm nicht auch Kinder schmecken? Sicherheitshalber wird deshalb erst einmal Abstand gehalten zum brummenden Ding.

Wie funktioniert das? Weshalb passiert was? Fragen, die Kinder sich ständig stellen. Babys stecken alles, was sie erwischen, in den Mund, um es zu erkunden. Später hilft auch die Fantasie beim Erforschen.

Während der sogenannten magischen Phase zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr ist in der kindlichen Vorstellung jede Erklärung möglich. Entwicklungspsychologen sprechen von der „magischen Logik“: Wolken regnen, weil sie traurig sind. Der Bauklotz liegt unter der Kommode, weil er schlafen möchte.

Das richtige Alter also für sprechende Tiger: Fast jedes dritte Kind erfindet sich jetzt einen unsichtbaren Freund.

Und die sind nützliche Wesen, fanden die US-Psychologen Dorothy und Jerome Singer von der Yale University in vielen Studien heraus:

  • Sie unterstützen in schwierigen Situationen. Ihre Besitzer sprechen ihnen Kompetenz und Stärke zu.
  • Tröster. Mit dem unsichtbaren Vertrauten werden innere Angelegenheiten besprochen: „Ob Mama sauer ist, wenn ich jetzt noch einmal aufstehe aus dem Bett?“
  • Für große Abenteuer und tägliche Herausforderungen sind unsichtbare Freunde „emotionale Geländer“, sagt Dorothy Singer.
  • Sündenbock. Im Zweifel hat der unsichtbare Freund den Saft verschüttet, im Blumentopf gegraben.
  • Der unsichtbare Freund äußert Wünsche, gibt kindliche Bedürfnisse weiter.

Draußen vor dem Zugfenster rauscht jetzt langweilig der Dauerregen. Ein kleiner Mitfahrer brummt vor sich hin. „Ich bin der U-Boot-Kapitän und fahre unter den Riesenwellen durch“, teilt er aufgeregt mit. Kinder haben es so gut!

Text: Sabine Maus
Entstanden in Kooperation mit 

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