Hab ich genug Zeit für mein Kind?

– Kaum eine Mutter, kaum ein Vater hat sich das noch nicht gefragt.

Wie viel ist genug? Und wie gestaltet man sie sinnvoll? Das weiß die Münchner Psychologin und Wissenschaftlerin Johanna Graf.

Frau Graf, viele Eltern haben das Gefühl, nicht genug Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Ist das ein Phänomen, das typisch ist für Mütter und Väter von heute?

Glücklicherweise haben Kinder heute einen sehr hohen Stellenwert für ihre Eltern. Moderne Eltern legen viel Wert auf Verbundenheit und die Bedürfnisse ihrer Kinder.

Das heißt konkret?

Kinder brauchen vor allem drei Dinge: Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit. Gleichzeitig sollen wir Großen aber in unserer schnelllebigen Zeit ständig mobil, flexibel und erreichbar sein. Wir leben alle in einem Spannungsfeld.

Früher waren Kinder dank großer Familien- und Nachbarschaftsverbände in eine Gemeinschaft, meist mit vielen anderen Kindern, eingebunden. Heute ist das oft anders. Deshalb erkennen Eltern den hohen Stellenwert des gemeinsamen Spiels.

Manchmal wünscht man sich ja schon, das Kind würde sich auch mal selbst beschäftigen. Muss es denn immer ein ausgefeiltes Kinderprogramm sein?

Nein. Was viel wichtiger ist: Sich gemeinsam mit einer Sache zu beschäftigen. Beispielsweise zusammen zu kochen. Voraussetzung ist natürlich, dass dabei keiner etwas tun soll, das er nicht mag.

Wir leben ja alle sehr mobil, Verwandte leben oft weit weg. Wie könnte man die Reisezeit zu ihnen zur gemeinsamen wertvollen Zeit werden lassen?

Das beginnt schon vor der Abfahrt mit der Vorbereitung und der Vorfreude. Jedes Familienmitglied darf erzählen, wie es diese Stunden gerne verbringen möchte und welche Spiele, Bücher und Knabbereien mitkommen sollen. So erfahren die Kinder: Die Bedürfnisse von jedem einzelnen sind wichtig, und wir finden gemeinsam passende Lösungen.

Die Begeisterung „Bahnfahren“ nutzen

Und unterwegs?

Gerade kleine Kinder sind von Zugreisen begeistert. Teilen Sie die Begeisterung mit ihnen, lassen Sie sich anstecken, erfreuen Sie sich gemeinsam an allem, was es zu entdecken gibt! Wer eine Pause braucht, kann das sagen: „Jetzt haben wir viel miteinander gespielt, jetzt möchte ich noch lesen. Was magst du in der Zeit machen?“ Außerdem macht die innere Einstellung zur Reise einen gewaltigen Unterschied.

Das meint?

Nicht zu denken: „Hoffentlich sind wir bald da!“ Sondern: „Wie schön, heute haben wir viel Zeit füreinander!“

Dr. Johanna Graf ist Mitarbeiterin im Fachbereich Sozialpsychologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität München, Mutter von drei Kindern zwischen vier und 14 Jahren und Begründerin des Elterntrainings „FamilienTeam“. Zum Weiterlesen: „Familienteam – das Miteinander stärken“ (Kreuz Verlag, 14,99 Euro)

Interview: Nina Berendonk