Wann sind wir endlich da?

– Warum es vom Alter abhängt, wie wir die Dauer einer Reise bewerten.

Der Psychologe Dr. Marc Wittmann forscht zur Wahrnehmung der Zeit, die sich unterwegs vor allem für Kinder anders anfühlt als für Erwachsene. Im Interview verrät er, wie sich Familien am besten die Zeit vertreiben können und wieso es sinnvoll ist, nicht zu erwähnen, dass die Fahrt noch vier Stunden dauert.

Sie sitzen gerade im Zug. Wie lange denn noch?

Wittmann: Noch drei Stunden, ich fahre auf eine Tagung, bei der ich als Psychologe über mein Fachgebiet spreche: die gefühlte Zeit.

Wie empfinden Sie eine Zugfahrt, die länger als drei Stunden dauert?

Ich nehme immer Arbeit mit in den Zug, da vergeht die Zeit schnell. Es gibt aber diesen Zustand, da fühlt man sich am Schluss etwas rammdösig; der Körper bleibt irgendwie in der Zeit hängen. So entsteht eine anstrengende Langeweile. Wenn Nichtstun stresst, nennt man das Bore-Out, statt Burn-Out.

Sitzen neben Ihnen gerade Eltern, die versuchen, ihre Kinder von diesem Zustand abzuhalten?

Noch nicht, kann aber kommen. Vor allem wenn die Kinder noch klein sind, aber schon sagen können: Wann sind wir endlich da?

Warum bringt es nichts, wenn man dann antwortet: „Och, nur noch vier Stunden“?

Der Mensch entwickelt erst mit fünf, sechs Jahren die Fähigkeit, abstrakt zu denken. Zeit zu ermessen erfordert eine hohe kognitive Leistung. Man muss vor- und zurückdenken. Man muss die Uhr lesen, also Ziffern in Zeiträume übersetzen.

Was sage ich also am besten zu einem ungeduldigen Kind?

Man sollte Metaphern nutzen, also die Zeitangabe in ein Bild übersetzen, zu dem das Kind einen Bezug aufbauen kann. Also: Es dauert noch eine Stunde, also so viel wie drei von deinen Lieblingshörspielen.

Wenn wir die alle durchhaben und es sind immer noch drei Stunden?

Dann versucht man, das Kind mit Malen, Vorlesen, Basteln zu beschäftigen. Denn wenn der Mensch in einer Tätigkeit versinkt, vergisst er Raum und Zeit um sich herum. Das können Kinder besonders gut. Man verhilft dem Kind dazu, sich in die Gegenwart fallen zu lassen.

Manche Menschen bespaßen Kinder im Zug aber auch mit vollem Programm; da wird noch ein Spiel, ein Tablet, was zum Knabbern hervorgeholt. Gibt es auch zu viel Ablenkung?

Jemand, der permanent ein Programm geliefert bekommt, kann verlernen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Man sollte Kinder in ihrer versunkenen Tätigkeit, wie etwa beim Lesen nicht unterbrechen. Denn dann kann sich die eigene Nervosität auch auf das Kind übertragen. Wenn man Angst hat, dass das Kind die Leute im Zug nervt, entwickelt man am Ende selbst eine Unruhe und nervt.

Man kann auch einfach nur aus dem Fenster schauen…

Habe ich auch gerade gemacht wenn die Wiesen, Felder und Rehe an einem vorbeiziehen und man einfach nur schaut, kommt man auch in den Flow, diesen angenehmen Zustand der Selbstvergessenheit.

Junge schaut auf Bahnfahrt aus Fenster

Kinder haben aber wenig Verständnis, wenn Eltern sagen: Legt doch mal eure Handys weg und schaut schön aus dem Fenster!

Man muss sie ein bisschen anleiten, sie haben ja eine verlockende Ablenkung durch digitale Geräte.

Deren Betätigung lässt sie auch schnell die Zeit vergessen.

Genau, weil da im Gerät irre viel passiert. Je mehr Erlebnisse, desto schneller vergeht – so empfindet man das – die Zeit. Also sagt man dem Kind: Guck mal draußen, die Rehe, die Wiesen, der Bauernhof! Oder: Komm, wir spielen „Ich sehe was, was du nicht siehst.“

Vergeht die Zeit schneller, wenn man glücklich und zufrieden ist?

Im Moment des Glücks nimmt man die Zeit intensiver wahr und dadurch scheint sie sich auf positive Weise zu dehnen. Etwa wenn Jugendliche Neues erleben: Der erste Kuss, die erste Reise ohne Eltern, das erste WG-Zimmer. Wenn man unglücklich ist, tropft die Zeit zäh dahin. Es gibt im Gehirn eine Region, die heißt Insula, also Insel, und sie ist für beides zuständig: für die Wahrnehmung der Zeit und für die des Körpers.

Also vergeht das Glück so schnell, weil man von Zeit und Raum total absorbiert ist?

Genau wie ein Kind, das beim Spielen, Malen, Hören im Hier und Jetzt versinkt. Das ist der Flow. Den kann es auch im Zug geben. Wenn man die erwähnten Tricks auf Lager hat – und den Menschen dann einfach bei sich sein lässt.

Dr. Marc Wittmann ist Psychologe und forscht am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg zur Wahrnehmung von Zeit. Erschienen sind seine Bücher: „Gefühlte Zeit. Kleine Psychologie des Zeitempfindens“ und „Wenn die Zeit stehen bleibt. Kleine Psychologie der Grenzerfahrungen“.

Interview: Ann Wolf