Väterstunden: Eine Kurzgeschichte aus dem Familienbereich der Bahn

– Über Skat spielende Väter im Familienbereich und Kinder auf einer Mission.

Ab Köln waren wir zu sechst, drei Väter, zwei Jungs und Lara, das einzige Mädchen. Lukas war zuerst gar nicht begeistert, er ist fünf und keiner, der von sich aus auf andere Kinder zugeht. Ich befürchte, das hat er von mir, ich erinnere mich an Zugfahrten, während derer ich stundenlang aus dem Fenster geschaut habe, die Landschaft an mir vorbeiglitt, Felder, Wiesen und Hochspannungsmasten, zwischen denen die Leitungen gespannt waren, obwohl so richtig gespannt sahen sie nie aus, sie hingen durch. In meiner Fantasie versuchte ich, auf ihnen zu balancieren wie die Seiltänzer im Zirkus. Lukas starrt leider lieber auf den Bildschirm seines Tablets.

„Jetzt fahren wir über den Rhein“

Als sich dann in Köln die zwei Väter mit ihren beiden Kindern zu uns in den Familienbereich setzten, sah Lukas kurz auf und wendete sich wieder Angry Birds zu. Der Junge war in seinem Alter, das Mädchen vielleicht etwas älter. Die beiden Väter kramten Vesperbüchsen, Bücher und ein Kartenspiel aus ihren Rucksäcken und verstauten sie dann auf der Gepäckablage über unseren Köpfen. Das Mädchen und der Junge, von denen ich bald mitbekam, dass sie Lara und Anton hießen, schauten beide aus dem Fenster. Der ICE fuhr langsam aus dem Hauptbahnhof. „Da schau mal“, sagte Lara, “jetzt fahren wir über den Rhein!” Ich sah, wie Lukas kurz von seinem Tablet aufsah und einen Blick aus dem Fenster warf, aber sich gleich wieder auf den Bildschirm besann. „Weißt du noch”, sagte ich, „wir waren da mal mit Mama, erinnerst du dich an die Loreley?” Lukas nickte, ohne seinen Blick aufzublicken.

„Wollt Ihr auch nach Berlin?”, fragte der Vater, der mir gegenüber saß. „Ja”, sagte ich, „wir waren in Köln, jetzt geht’s zurück nach Hause.”

„Hat’s dir gefallen?”, fragte der Vater. Lukas sah den Mann an und nickte.

„Lara und Anton waren noch nie in Berlin”, sagte der Vater, „deswegen fahren wir da für ein paar Tage hin. Ich bin übrigens Mark und das ist Bernd.” Er zeigte auf den Vater neben mir.

Vätertage müssen nicht am Vatertag sein

Mark war, wie sich herausstellte, der Vater von Lara, und Anton war Bernds Sohn. Die beiden Kinder kannten sich aus der Kita und über die Kinder hatten sich dann auch die Väter angefreundet. Sie machten das öfter, wie ich erfuhr: zu viert verreisen. „Vätertage nehmen”, nannten sie das, sie waren schon zusammen in München, Wien und Hamburg. Und immer mit der Bahn. „Und Ihr?”, fragte Bernd, „verreist Ihr auch oft zu zweit?”

„Es ist unsere erste größere Reise zu zweit “, sagte ich. Leiser fügte ich an: „Lukas Mutter wohnt nicht mehr bei uns, wir müssen uns erst mal an die neue Situation gewöhnen. Ich dachte, Reisen kann dabei helfen.” Mark nickte und griff dann zur Vesperbüchse und fragte, wer ein Stück Gurke oder eine Möhre wolle, wahlweise habe er noch Paprika im Angebot. Lara und Anton bedienten sich. „Für Dich auch?”, fragte Bernd und hielt Lukas die Vesperbüchse hin. „Lukas steht nicht so auf Gesundes”, sagte ich, „leider.”

„Kann ich gut verstehen”, sagte Mark, „ehrlich gesagt ist Laras Mutter für das Gemüse verantwortlich.”

Eine Abenteuerreise ins Bordbistro

Er sah die drei Kinder an und fragte: „Wie wäre es mit einer Abenteuerreise, die mit einem Eis belohnt wird?”

„Ja!!”, riefen Lara und Anton sofort. Und auch Lukas sah vorsichtig von seinem Tablet auf.

Mark stand auf, holte sein Portemonnaie aus der Jacke, zog einen 5-Euro-Schein heraus und hielt ihn den Kindern entgegen. „Im Zug gibt es ein Bordbistro. Ihr müsst den Weg dorthin finden und zur Belohnung kauft sich jeder von euch ein Eis. Schafft Ihr das?”

Lara sprang sofort auf, riss ihrem Vater das Geld aus der Hand und sagte zu Anton: „Los. Komm schon.” Die beiden stürzten aus dem Abteil, als Mark ihnen nachrief: „Die Abenteuerreise gilt nur für drei Kinder.” Lara blieb stehen, und sah Lukas an, der wiederum sehr angestrengt auf sein Tablet starrte. „Kommst Du mit?”, fragte Lara. Lukas blickte hoch, als sei er überrascht davon, gemeint zu sein. „Ja, Du”, sagte Lara. „Kommst Du mit?” Alle sahen jetzt Lukas an. Und Lukas sah mich an. „Na, los”, sagte ich, „die brauchen Dich.” Er stand auf, legte sein Tablet auf den Sitz und schloss sich Lara und Anton an. Ich hörte noch, wie sie ihn nach seinem Namen fragten und dann liefen sie nach rechts und kurz darauf sah ich sie, in die andere Richtung an uns vorbeilaufen.

Tablet statt Tisch

„Jetzt haben wir ein reines Väterabteil”, sagte Bernd und lachte. „Spielst Du Skat?” Ich antwortete, dass ich schon lange kein Skat mehr gespielt hätte. „Umso besser”, sagte Mark und fing an, die Karten zu mischen. Nur: Worauf sollten wir spielen? Mir kam die Idee: Ich nahm Lukas’ Tablet auf die Knie und schuf uns so eine kleine Spielfläche. Als Lara, Anton und Lukas nach einer gefühlten Ewigkeit zurückkamen, hatte ich gerade meine erste Runde gewonnen. Wir hatten Bielefeld hinter uns gelassen und noch zweieinhalb Stunden Fahrt vor uns. Anton holte ein großes Witzebuch aus seinem Rucksack. Die Kinder lasen sich gegenseitig Witze vor und lachten laut, während wir Väter uns beim Skat vergnügten. „Was ist das Gegenteil von Fantasie? Coladu.” Es war das erste Mal seit langem, dass ich meinen Sohn so ausgelassen erlebt habe. Bis zur Ankunft hat er nicht ein einziges Mal nach seinem Tablet gefragt. Ich hätte es aber auch nicht rausgerückt. Wir brauchten es zum Spielen.

Von Nikolas Lubimov