Was guckst du?

– Eine Kindheit ohne Fernsehen, Tablet und Smartphone – das geht heute nicht mehr.

Sind Bildschirme für Kinder wirklich Teufelszeug? Und wie bekommt man die richtige Balance zwischen dem digitalen und dem echten Leben? Dieses Strahlen hat man bei der 13-Jährigen schon länger nicht mehr gesehen. Grund ist aber nicht die gemeinsame Bahnreise zu Oma – sondern die Steckdose am Tisch und das WLAN im ICE. In der nächsten Stunde starrt sie gebannt in ihr nunmehr verkabeltes Smartphone. Offenbar Stress in der Whatsapp-Gruppe.

Der Fünfjährige hat jetzt seine Bilderbücher durch und will gern auf dem Tablet einen Film im ICE Portal bei maxdome onboard sehen. Und wenn er das nicht darf, dann „weeenigstens“ auf Mamas Smartphone daddeln.

Kann das gut sein? Lernen Jugendliche überhaupt noch, Konflikte mit Altersgenossen von Angesicht zu Angesicht zu klären? Sollte ich mit meinem Fünfjährigen nicht besser ein Kartenspiel legen oder mal den Familienbereich auskundschaften?

Höchstens eine halbe Stunde Bildschirmzeit für Kinder bis fünf Jahren – das empfiehlt zum Beispiel die von der Bundesregierung unterstützte Initiative „Schau hin!“. Und was sehen wir, wenn wir mal genau hinschauen? Dass das Kind fast zwei Stunden Clips auf youtube geschaut hat, während man selbst in der Telefonkonferenz steckte. Dass man selbst bei jeder Gelegenheit auf das Facebook-Icon des Smartphones tippt oder sich stundenlang tiny houses im Netz anschaut. Wieviel Bildschirmzeit ist also okay?

Was die Wissenschaft weiß

Salopp gesagt: nicht viel. Zumindest nicht darüber, dass der Umgang mit Tablet und Co Kindern ernsthaft schaden würde. Das steht auch in einem offenen Brief, den Psychologen und Neurowissenschaftler im Frühjahr im Guardian veröffentlicht haben. Viel wichtiger als die reine Bildschirmzeit sei, wie und was Kinder gucken und wie ihr übriges Leben aussieht: Gibt es genügend Gegengewichte zum Digitalen?

So sieht’s aus

Die „KIM“*-Studie 2016 des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs) hat Kindern zwischen sechs und 13 Jahren genau auf die Finger – oder besser: auf die Bildschirme – geschaut. Das Ergebnis zeigt, dass man nicht allein ist mit seiner bildschirmsüchtigen Sippe: 77 Prozent der befragten Kinder schauen „jeden oder fast jeden“ Tag Fernsehen, 42 Prozent benutzen täglich das Handy.

*Kindheit, Internet, Medien

Dinge geregelt bekommen

So unpraktisch das auch ist: Die Nutzung von Smartphone und Co gucken sich Kinder vor allem von ihren Eltern ab. „Medienerziehung“, sagt Dr. Marc Urlen, der am Deutschen Jugendinstitut (DJI) zu Kindern und Medien forscht, „passiert vor allem in der Familie, durch das Vorbild der Eltern.“ Eine gute Idee: Regeln einführen, zu welchen Zeiten oder Gelegenheiten weder SMS geschrieben noch geglotzt wird.

Was guckst du?

Es ist okay, wenn eine vernünftige Kinder-DVD mal den Babysitter spielt. Ansonsten gilt: Bei Jüngeren möglichst mitgucken und bei Älteren drüber reden. Kinder sollten Gesehenes einordnen, empfiehlt Urlen, anstatt es nur zu konsumieren: Warum gucke ich mir den Comic so gern an? Bei Älteren: Warum dreht die Youtuberin diese Clips?

„Die Grundidee: Medien sind nicht dazu da, um die Zeit totzuschlagen, sondern sie sollen mir auch etwas bringen“, so Urlen. Ein Tablet kann man auch dazu nutzen, selbst kreativ zu werden – zum Beispiel, wenn man damit eigene kleine Trickfilme schneidet.

So geht Abschalten

Wieviel ist nun zu viel? Die gute Botschaft: Das können reflektierte Eltern selbst einschätzen. Die schlechte: Sie müssen es dann auch durchziehen. Und dafür unter Umständen selbst das Handy beiseitelegen. Um mal die Zugabteile zählen zu gehen oder „Ich packe meinen Koffer“ zu spielen. Oder zu schauen, welche Spiele „Der kleine ICE“ bietet. Das Tolle daran: Man kriegt mehr mit voneinander und der Welt drumherum – und das Kind auch bessere Laune.