Abenteuer Interrail – nächster Halt: Österreich

– Im zweiten Teil ihres Reiseberichts räumt Mady mit Vorurteilen auf ...

Warum nicht einmal mit dem Zug reisen, anstatt vom Flieger innerhalb kürzester Zeit direkt am Zielort ausgespuckt zu werden? Diese Frage habe ich mir im vergangenen Sommer in sechs verschiedenen Ländern beantwortet. Heute führt uns die Reise weiter nach Österreich.

Österreich – was man so hört …

Ich esse unglaublich gern Kaiserschmarrn, Germknödel und Apfelstrudel. Ja, mir fallen zu Österreich, wie es auch bei Tschechien der Fall war, zunächst die kulinarischen Merkmale dieses Landes ein. Dazu gehören außerdem Mozartkugeln und das Wiener Schnitzel. Angeblich sind die Österreicher etwas langsamer und gemütlicher als wir Deutschen unterwegs und können alle jodeln. Viele meiner Landsleute schätzen das Land als Ski-Paradies und verbringen gern ihre Winterurlaube dort. Ob es in Österreich überall Kühe gibt? Ich weiß es nicht, stoße bei meiner Recherche aber auf diese Behauptung. Gespannt und bereit, all das herauszufinden, steige ich in den nächsten Zug.

Zwischen Tschechien und Österreich – lebendiger Unterricht in drei Fächern

Von Brno trennen mich nun lediglich 146 Schienenkilometer von Wien und trotzdem glaube ich, dass hier vieles so ganz anders ist. Dabei denke ich nicht nur an die Sprache, sondern auch an Kultur, Geschichte, Lebensstil der Menschen, die Art der Gebäude … Aber genau das gefällt mir an Europa. Auf kurzer Strecke erlebe ich lebendigen Geschichtsunterricht, eine informative Geografiestunde, eine Einführung in Sozialkunde. Als ich vor einigen Jahren für ein paar Monate in Kanada studierte und lebte, traf ich auf viele Nordamerikaner, die schwärmten: „Europa ist interessant, so vielfältig, ihr könnt in kürzester Zeit so viel Diversität erleben.“ Das stimmt!

Europa ist interessant, so vielfältig, ihr könnt in kürzester Zeit so viel Diversität erleben.

Diese Tatsache zelebriere ich im Wiener Stadtteil Grinzing bei Schinkenfleckerln – einer typischen Spezialität der österreichischen und böhmischen Küche. Dazu gibt es ein Glas „Gemischten Satz“ – Wein, der sich aus unterschiedlichen Rebsorten aus einem Weingarten zusammensetzt. Grinzing ist in weiten Teilen von den bewaldeten Bergrücken des Wienerwalds geprägt.

Linz – von Apfelstrudel und Vorurteilen

Nachdem ich die Hauptstadttore hinter mir gelassen habe, treibt es mich weiter nach Linz, wo ich mich mit meiner Pilgerfreundin Amanda auf einen saftigen Apfelstrudel treffe. Die smarte Österreicherin habe ich bei meiner Wallfahrt auf dem nordspanischen Küstenweg einige Sommer zuvor kennengelernt. Auf dem Hauptplatz, mit Blick auf die Dreifaltigkeitssäule, einem barocken Wahrzeichen der Stadt, erzählt mir Amanda, dass sie und ihre Landsleute ein bequemes Gemüt besitzen; gesellig, naturverbunden, sportlich sowie allgemein interessiert und offen sind. Sie trifft allerdings noch eine Unterscheidung in zwei Typen: Es gibt den extrem zielstrebigen Österreicher genauso wie den Faulpelz, der eine Prise zu gelassen ist. Beide kommen dennoch hervorragend miteinander aus. In einem Buch las sie, dass die österreichische Bewohnerschaft gern einmal als primitives Bergvolk gilt. Sie seien Bauern, die nichts anderes täten als Bier zu trinken, auf Berge zu klettern und für Außenseiter schwer verständlich miteinander zu kommunizieren. Das Werk – in dem dies stand und so war es wohl auch gedacht – hat sie nicht allzu ernst genommen.
„Und was fällt dir zu Deutschland ein?“

Es gibt den extrem zielstrebigen Österreicher genauso wie den Faulpelz, der eine Prise zu gelassen ist.
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„Wir Österreicher fahren sehr gern nach Berlin, München und Hamburg. Dann kommt mir noch das Oktoberfest in den Sinn. Außerdem sagen wir immer, dass Bayern mit zu Österreich gehört.“ Sie überlegt eine Weile und fügt an: „Wir Ösis denken auch, dass die Hälfte der deutschen Bevölkerung Hartz IV in Anspruch nimmt.“ Ich verschlucke mich beinahe an der Sahne meines Strudelgerichts.
Nachdem ich diese Aussage und die Süßspeise verdaut habe, kann es weitergehen nach Graz …

Mein Kopf lehnt an dem großen Zugfenster, das Schienenfahrzeug gleitet in leichter Schieflage durch eine saftige, vom Regen durchtränkte Landschaft. Mein MP3-Player spielt „4 Non Blondes“ mit dem Titel „What‘s Up?“ – für mich einer der stärksten Songs unserer Geschichte. Ich bewege meine Lippen zur Musik, der Zug schlängelt sich durch die tiefgrüne Landschaft, kräftiger Regen peitscht an die panoramaartigen Glasscheiben. Ich fliege durch diese wolkenverhangene Welt und presse meinen Kopf noch stärker an die Scheibe, starte mein Lieblingslied erneut, erhöhe die Lautstärke und gebe mich vollkommen und mit jeder Faser meines Körpers diesem Reiserausch hin.

Graz – eine Trinkschokolade für die Ewigkeit

Die Altstadt ist meiner Meinung nach berechtigterweise zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt worden. Besonders das Rathaus gefällt mir. Ein stattliches Bauwerk mit einer Fassade im späthistorisch-altdeutschen Stil. Die Schauseite verfügt über einen kuppelbekrönten Vorsprung sowie Ecktürmchen. Die Fassade ist reich verziert, unter anderem mit Nischenfiguren, welche bedeutende Österreicher darstellen.
Da es immer wieder anfängt zu regnen, kehre ich in ein gemütliches Kaffeehaus ein, in dem ich mich für fast drei Stunden aufhalte. Die Lokalität ist gut besucht und ich freue mich, dass der Kellner mich nicht ständig nach einem neuen Getränkewunsch fragt. Er ist ziemlich gelassen und es macht ihm scheinbar nichts aus, dass ich mich für eine Ewigkeit an meiner großen heißen (okay, am Ende dann nicht mehr) Schokolade mit Sahne aufhalte.

Fazit Österreich

Ich habe auch in Österreich nicht gehungert und als Naschkatze vor allem den hervorragenden Apfelstrudel im Linzer Café zu schätzen gewusst. In jeder Lokalität bin ich sehr freundlich und professionell bedient worden – vielleicht tatsächlich weniger hektisch und etwas gelassener als in Deutschland.
Zu fragen bzw. zu testen, ob alle Österreicher jodeln können, habe ich vergessen – das muss ich zugeben. Ich verspreche, bald einmal auf einen österreichischen Berg zu klettern, um auf meinem Weg die Probe aufs Exempel zu machen. Wer weiß, wenn ich gut drauf bin, jodele ich sogar mit.
Winterurlauber sind mir insgesamt nur wenige begegnet. Sie hätten in ihren dicken Daunenjacken in schwüler Sommerhitze sicherlich sehr geschwitzt …
Die Frage nach den vielen Kühen, muss ich mit „Nein!“ beantworten. Ich habe beim Zugfahren sehr viel und sehr lange aus dem Fenster geschaut und kaum ein Rind gesehen. Auch in der Hauptstadt hielten sich die Tiere versteckt. Kein Wunder. Sicherlich fürchteten sie die vielen Schnitzelhäuser.
Die Österreicher wissen selbst, dass sie ein entspanntes, cooles Völkchen sind. Das sehe ich genauso.

Über die Autorin Mady Host

Foto Mady Host

Mady Host, geboren 1985, lebt in ihrer Heimatstadt Magdeburg. Die studierte Sozial- und Gesundheitsjournalistin bereist von ihrem „Basislager“ aus die verschiedensten Länder – oftmals ausgerüstet mit Rucksack, Zelt und festen Wanderschuhen. Sie veröffentlicht Bücher, Blogtexte, Fotos und Videos über ihre Reisen.

Weitere Informationen und Tour-Stationen ihrer Lesereise: www.mady-host.de