Abenteuer Interrail – sechs Wochen mit dem Zug durch Europa

– In Folge 1 berichtet Mady Host von ihren Erlebnissen in Tschechien.

Warum nicht einmal mit dem Zug reisen, anstatt vom Flieger innerhalb kürzester Zeit direkt am Zielort ausgespuckt zu werden? Diese Frage nistete sich in meiner Gedankenwelt ein. Worte wie „Entschleunigung“ geisterten mir durch den Kopf und ließen mich neugierig werden.
Um mir einen Überblick zu verschaffen, tippte ich „Europa“ in das Google-Suchfenster ein und siehe da: Bunte, übersichtliche Karten taten sich vor meinen Augen auf. Dass eine Interrail-Tour, wenn ich sie unternehme, nicht heißen kann „Sechs-Wochen lang ununterbrochen Zug fahren“, war mir schnell klar. Dafür bin ich viel zu bewegungsfroh. Stück für Stück formte sich also der Plan, mir in sechs Wochen sechs Länder anzuschauen. Und wenn ich von Städten und Landschaften noch etwas mehr als nur Bahnhöfe mitbekommen wollte, so musste ich eine angemessene Verweildauer pro Land einplanen.

 

Tschechien

Bier, Knödel und Oblaten. Damit sind wir auch schon beim Thema. Bei meiner Recherche zu Dingen, die typisch für das Land sein sollen, standen diese kulinarischen Freuden ziemlich weit oben auf der Liste.
So wie man Deutschland oft mit Bayern gleichsetzt, wird Prag auf eine Stufe mit Tschechien gestellt. Angeblich reisen alle Touristen immer nur in die Hauptstadt.
Stimmen in Onlineforen sagen zudem, das Land sei – außerhalb Prags – für uns Deutsche preiswert und die Tschechen selbst sollen ein trinkfestes Völkchen sein.
Ich weiß nicht, wie viel davon stimmt, und will mir lieber mein eigenes Bild machen. Außerdem freue ich mich auf das eine oder andere Selbstexperiment

Prag

Die Flut an Touristen beeindruckt mich. Menschenmassen schieben sich durch die Gassen, an den Sehenswürdigkeiten herrscht Blitzlichtgewitter und Reisebusse brummen ununterbrochen durch die Straßen. Tschechiens Hauptstadt dürfte wohl kaum als Geheimtipp unter Rucksackreisenden gelten. Wie jeder andere Tourist auch, werfe ich dennoch zunächst ein Auge auf die klassischen Sehenswürdigkeiten, drücke mir die Nase an der Scheibe eines Sightseeing-Busses platt, koste Gerstensaft.

Spannend wird es dann, als ich mit Hostelbetreiber Jaroslav zusammensitze und mir erzählen lasse, dass Tschechen wohl ständig und mit jedem Zipperlein zum Arzt gehen, ihm alles glauben und deshalb die Politik vermehrt Akteure mit Medizinausbildung für ihre Reihen gewinnen will. Und Deutsche? Jaroslav kennt mein Heimatland, er hat hier einige Jahre lang gelebt. „Ihr seid wie Jungfrauen und die gelten, laut Horoskop, als zuverlässig, diszipliniert, ehrgeizig und pünktlich. Genau das ist so typisch für euch. Außerdem habt ihr Eier in der Hose und seid energiegeladen und kräftig.“
Auch wenn diese Merkmale garantiert ebenso auf Menschen anderer Nationen zutreffen, ehrt mich seine Einschätzung – bis zu dem Punkt, als er mir erzählt, dass Deutsche im Ausland – neben den Engländern und Dänen – ziemlich auffällig und laut sind, wenn sie trinken. Okay, das zu hören, ist keine Überraschung …

Brno

Meine Zugfahrt von Prag nach Brno dauert nicht einmal drei Stunden, dennoch habe ich bereits nach einer Stunde Fahrt das Gefühl, intensiver in das Land vorzudringen. Die letzten deutschen Stimmen haben das Schienenfahrzeug verlassen und ich entkomme dem Touristenrummel. Die städtischen Ausläufer Prags sind kleineren Orten, die durch dichte Wälder und grüne Wiesenflächen voneinander getrennt sind, gewichen. Was kurz hinter der Hauptstadt noch ein breites Feld aus mehrspurigen Schienensträngen war, hat nun schmaleren Gleisanlagen Platz gemacht. Mir unbekannte Ortsnamen an ebenso fremdartigen Bahnhöfen rauschen vorbei. In meinem Bauch macht sich vorfreudiges Kribbeln breit und ich kann es kaum erwarten, einen weiteren neuen Ort zu entdecken.


Jaroslav hatte ein neidvolles Verhältnis zwischen den Pragern und der Bevölkerung in Brno angedeutet. Letztere leiden angeblich unter zu wenigen Besuchern, da alle immer nur nach Prag reisen. So hat die zweitgrößte Stadt Tschechiens weniger Chancen, ihre Sehenswürdigkeiten zu präsentieren. Bis zum Treffen mit meiner tschechischen Freundin Ivana nutze ich die Zeit und schaue mir so viel wie möglich an. Ich steige auf den Rathausturm und genieße meine Alleinsamkeit hier oben in vollen Zügen. Nach meinem Abstieg laufe ich zur St.-Peter-und-Paul-Kathedrale. Sie befindet
sich auf dem Petrov-Hügel im Stadtzentrum und ihre Silhouette dominiert das Stadtbild.
Am Abend versuche ich – zusammen mit Ivana, die ich von einer anderen Reise kenne – herauszufinden, wie gut das tschechische Bier ist. Schließlich ist das Pils ein nach der böhmischen Stadt Pilsen (tschechisch Plzeň) benanntes Bier. Also: Die Tschechen werden doch wohl wissen, wie es geht … Gemütlich schlendern wir durch das abendliche Brno. Die Luft ist warm, überall tummeln sich Menschen. Bars und Restaurants laden zum Sitzen in den gemütlichen Gassen ein. Das Flair dieses Ortes empfinde ich als sehr lebendig, spritzig und jung – was wohl auch daran liegt, dass Brno eine Universitätsstadt ist. Wir machen es uns im Außenbereich einer Bar gemütlich und bestellen tschechisches Bier. Ob die Tschechen nun besonders trinkfest sind, vermag ich kaum zu beurteilen. Geschmacklich ist jedenfalls diese Biersorte großartig und begleitet unseren Abend bei Gesprächen übers Reisen.

Und dann? Bierselig spazieren wir auf einen Hügel, von dem aus wir das funkelnde Lichtermeer Brnos bestaunen. Unsere Blicke sind auf das beleuchtete Tal gerichtet. Wir stehen an einer Mauer und stützen uns mit den Armen auf dem warmen Gestein ab. Ich schaffe es, vollständig das Hier und Jetzt zu genießen, und möchte gerade an keinem anderen Ort der Welt sein. Gut, dass mir noch einige Stunden bleiben, bis es am nächsten Tag nach Österreich geht …

Fazit Tschechien

Knödel, Bier und Oblaten. All diese Köstlichkeiten seien typisch und besonders lecker, wie ich vor meiner Einreise recherchierte. Ich kann nicht klagen: Jegliches Bier, das ich probierte, und auch mein herzhaftes Knödel-Essen machten meinen Gaumen wunschlos glücklich.
In Brno gab es tatsächlich bedeutend weniger Touristen als in Prag und ich glaube schon, dass ein Großteil der Besucher in der Hauptstadt hängenbleibt und so charmanten Städten wie Brno keinen Besuch abstattet. Ich selbst war zwar nur an zwei tschechischen Orten zu Gast – allerdings in Städten, in denen ich mich sehr wohlgefühlt habe und die zweifellos sehenswert sind. Neben außergewöhnlichen Bauwerken, ruhigen Parks und charmanten Nebenstraßen hat mich der Kontakt zu Jaroslav und Ivana am meisten berührt. So unterschiedlich ihre Auffassung über ihr eigenes Volk und uns Deutsche auch sein mag, so eins waren sie sich in ihrer Herzlichkeit und Gastfreundschaft mir gegenüber …

Über die Autorin Mady Host

Foto Mady Host

Mady Host, geboren 1985, lebt in ihrer Heimatstadt Magdeburg. Die studierte Sozial- und Gesundheitsjournalistin bereist von ihrem „Basislager“ aus die verschiedensten Länder – oftmals ausgerüstet mit Rucksack, Zelt und festen Wanderschuhen. Sie veröffentlicht Bücher, Blogtexte, Fotos und Videos über ihre Reisen.

Weitere Informationen und Tour-Stationen ihrer Lesereise: www.mady-host.de