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Auch der kleine ICE verträgt skurrilen Humor

– „NICHTLUSTIG“-Cartoonist Joscha Sauer spricht mit uns über den Kindercomic.

Der Cartoonist Joscha Sauer ist bekannt für seine „NICHTLUSTIG“-Comics, mit denen er seit 15 Jahren Fans des schrägen, bisweilen makabren Humors zum Lachen bringt. Kaum jemand weiß, dass Joscha Sauer auch zu den kreativen Köpfen gehört, die für die Deutsche Bahn die Comic-Figur „Der kleine ICE“ erschaffen haben. Wir haben den Zeichner in seinem Frankfurter Studio getroffen und ihn gefragt, wie so ein Cartoon entsteht, was den kleinen ICE auszeichnet und ob der Spagat zwischen tiefschwarzem Humor und kindgerechtem Bahn-Comic für ihn eine Herausforderung ist.

Hallo Joscha! 2012 hat die Deutsche Bahn dich gebeten, den ersten Entwurf für einen ICE-Charakter zu zeichnen. Hattest du gleich eine Idee, wie die Comic-Figur aussehen soll?

Ja, eine Idee war sofort da. Der allererste Versuch von meiner Seite war – wie das so mein Stil ist – eher lustig, ein bisschen moppelig. Er sollte aber cooler und dynamischer rüberkommen. Ich habe auch Extreme ausprobiert, zum Beispiel einen bizarr maskulinen und kantigen Entwurf – so eine Helden-Figur. Die wirkte aber schnell nicht mehr sympathisch.

Kleine ICE - Die ersten Scribbles von Joscha Sauer und Sascha Wüstefeld

Wie könnte ein ICE-Charakter aussehen? Die ersten Scribbles von Joscha Sauer und Sascha Wüstefeld

Findest du den kleinen ICE denn sympathisch, so wie er jetzt ist?

Anfangs fehlte mir der emotionale Zugang zum kleinen ICE. Denn das Problem an solchen Heldenfiguren ist, dass sie in sich erst mal keinen Konflikt haben. Sie sind perfekt und toll und somit eher langweilig. Der kleine ICE zum Beispiel tat sich dadurch hervor, dass er schnell ist und gern Gutes tut. Es war zu Beginn schwer, da überhaupt eine Geschichte rauszukriegen. Es hat einen Moment gedauert, bis der kleine ICE auch vom Charakter für mich „geklickt“ hat.

Und wie hast du den Zugang zum ICE-Charakter dann gefunden? Wann hat es bei dir es Klick gemacht?

Für mich war das der Zeitpunkt, als ich erfuhr, dass die Figur keinen Namen bekommt, sondern „Der kleine ICE“ heißen würde. Zunächst gefiel mir das gar nicht, denn in meiner Vorstellung war der ICE ein Mann, also eher groß und stark!

Der Name „kleiner ICE“ gefiel mir anfangs nicht, denn in meiner Vorstellung war der ICE ein Mann - also eher groß und stark! Joscha Sauer

Aber dann machte es bei mir im Kopf klack-klack-klack … „Der kleine ICE“ ist eigentlich ein Kind? Dann ist er sich seiner Superkräfte noch gar nicht bewusst. Dann ist er nicht allwissend, sondern muss viel erklärt bekommen. Dann schießt er oft übers Ziel hinaus, wenn er was Gutes tun will. Ein kleiner Pfadfinder. Und das hat es für mich total aufgebrochen. Plötzlich war er eine interessante Figur und es machte mir Spaß, für den kleinen Kerl Geschichten zu schreiben.

Heißt das, der Charakter des kleinen ICE entsteht vor allem dadurch, dass du dir Geschichten mit ihm ausdenkst?

Nicht nur. Gemeinsam mit Cornelia, die bei der Deutschen Bahn für den kleinen ICE verantwortlich ist und Sascha Wüstefeld, der den kleinen ICE und die Comics illustriert, haben wir anfangs ein Character-Design festgelegt. Wir haben an einer großen Tafel alle Figuren mit ihren Eigenschaften skizziert, haben uns Gedanken gemacht, was die einzelnen Typen auszeichnet und haben Steckbriefe angelegt. Und mit diesen Steckbriefen entstehen dann in den Comics ausgefeilte Charaktere.

Wie entsteht dann ein „Der kleine ICE“-Comic? Wer gibt die Geschichten und Hauptdarsteller vor?

Die Comics entstehen in Gemeinschaftsarbeit. Der Zeichner Sascha Wüstefeld ist ein Freund von mir, der dem kleinen ICE unglaublich viel Dynamik und Charakter verliehen hat und mit dem ich sehr gerne zusammenarbeite. Der Autor Haiko Hörnig, der auch für „NICHTLUSTIG“ textet, ergänzt das Team perfekt.

Zuerst bekommen wir von der Bahn ein Stichwort, wie beispielsweise Fundbüro oder Ida IC. Manchmal dürfen wir uns ein Thema auch völlig frei ausdenken. Im nächsten Schritt setze ich mich mit Haiko zusammen und wir denken uns eine Story aus. Oft reicht da schon eine gemeinsame Mittagspause. Manchmal ist es auch schwieriger, dann verzweifeln wir vor dem weißen Blatt. Aber irgendwann macht es immer Klick – meistens dann, wenn wir uns selber zum Lachen bringen.

Im ersten Scribble legen wir fest, wie die Geschichte auf drei Seiten funktioniert. Wie viel muss in jedem Bild passieren? Wie ist der Bildaufbau? Welcher Text kommt drauf? Wie verläuft die Dramaturgie? Und das wichtigste: Finden wir den Comic witzig? Wenn wir Kindsköpfe selbst lachen, können wir davon ausgehen, dass der Cartoon durch seinen universellen Humor für alle zugänglich sein wird – nicht nur für eine bestimmte Ziel- oder Altersgruppe.

Ach, ist „Der kleine ICE“ also gar kein Kindercomic?

Doch, aber auch Erwachsene finden die ganze Welt um den kleinen ICE interessant. Weil es eine unterhaltsame, zugängliche und sympathische Geschichte mit einer tollen Hauptfigur ist. Denn wenn Familien unterwegs sind, freuen sich Eltern und Kinder am meisten über Geschichten und Entertainment. Da darf es auch mal verrückt oder absurd zugehen – Hauptsache lustig!

Apropos lustig: Verirrt sich dein schwarzer „NICHTLUSTIG“-Humor, für den du so bekannt bist, auch schon mal in die Comics vom kleinen ICE?

Ja, ein bisschen schon. Gerade in der Ideenfindungsphase scherzen wir gerne und hauen schon mal verrückte Ideen raus, bei denen wir wissen, das geht natürlich gar nicht, das wird niemals funktionieren. Aber es ist trotzdem wichtig, auch solche Einfälle zuzulassen, das ist Teil des kreativen Prozesses. Aber wir bringen schon gern seltsame Figuren und skurrile Elemente in den Stories des kleinen ICE unter. Das macht die Sachen originell und lesenswert.

Hast du ein Beispiel für uns?

Naja, zum Beispiel der Comic mit der betrügerischen Igelbande, wo der Igel beim Wettrennen immer zuerst da ist. Und der Igel macht dann da die seltsamsten Sachen: hat in der Zwischenzeit den kompletten Reichstag eingehäkelt oder eine Bären-Balletttruppe organisiert. So was macht mir Spaß!

„Die Nacht der blökenden Schafe“ wurde auf Wunsch der Deutschen Bahn überarbeitet

„Die Nacht der blökenden Schafe“ wurde auf Wunsch der Deutschen Bahn überarbeitet

Und die Bahn akzeptiert deinen Humor so und winkt die Stories immer durch?

Meistens schon. Aber wir haben auch schon Themen in Comics verarbeitet, die für die Bahn schwierig waren: Schafe auf den Schienen zum Beispiel. Es gab vor ein paar Jahren ein schlimmes Bahnunglück mit einem ICE, der in eine Schafherde gerast ist. Das wussten wir einfach nicht. Und so kam es, dass wir einen Comic zeichneten, in dem viele Schafe vorkamen und der auch noch den Horror-Titel „Die Nacht der blökenden Schafe“ trug. Da muss man dann etwas nachbessern.

Aber wenn das erste Scribble und die Story gut angekommen ist? Wie geht es dann weiter mit dem Comic?

Dann kommt Sascha Wüstefeld ins Spiel. Er zeichnet den Comic dann final, optimiert dabei oft noch Perspektiven oder Details. Am Ende kommt dann ein wunderschöner fertiger Comic dabei heraus. Toll finde ich, dass der kleine ICE mit der Zeit immer mehr Mimik bekommt und lebendiger wird. Das liegt daran, dass man als Zeichner mit der Zeit immer selbstbewusster wird, einen bestimmten Charakter zu zeichnen. Wenn wir uns ältere Comics anschauen, sieht der kleine ICE tatsächlich noch steifer aus.

Digitale Scribbles des kleinen ICE

Joscha Sauer und Sascha Wüstefeld zeichnen den kleinen ICE nicht auf dem Papier, sondern digital

Wo wir gerade von Mimik und Lebendigkeit sprechen: Es gibt ja auch schon erste Video-Clips mit dem kleinen ICE. Hast du daran auch mitgearbeitet?

Ja, Bewegtbild hat mir schon immer unheimlich viel Spaß gemacht. Da stellte sich uns natürlich die Frage, was für eine Stimme der kleine ICE wohl hat. Auf der Suche nach einer Kinderstimme habe ich Jens, den zehnjährigen Nachbarsjungen meiner Schwester gefragt und ihn in mein Studio eingeladen. Ich habe ihm die Texte vorgesprochen und er hat sie nachgemacht und es hat so fantastisch geklappt. Seitdem ist Jens die Stimme des kleinen ICE.

Der kleine ICE ist ganz aufgeregt, weil er dem Osterhasen beim Verstecken helfen darf.

Werden wir uns auch in Zukunft auf neue Comics und Videos von Sascha, Haiko und dir rund um den kleinen ICE freuen können?

Ja klar, wir machen weiter! Die Arbeit am kleinen ICE fühlt sich an wie ein Projekt unter Freunden. Die Kommunikation ist einfach fantastisch. Alle Leute gehen mit ganz viel Liebe an die Sache ran, für keinen ist das einfach nur ein Job. Jeder hat den Wunsch, da was Tolles draus zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch, Joscha!

 

Joscha PortraitJoscha Sauer wurde 1978 geboren und wollte bereits im Grundschulalter Comic-Zeichner werden. Später verschob sich sein Berufswunsch in Richtung Regie und Film. Mit Anfang Zwanzig jobbte er bei einer Internetfirma und kam dort auf die Idee, sich eine Internetseite zu bauen: www.nichtlustig.de. Dort veröffentlichte er jeden Tag einen lustigen 1-Bild-Cartoon und war überrascht von der täglich wachsenden Besucherzahl. 2003 erschien sein erstes Buch im Carlsen Verlag. Inzwischen sind seine Bücher und Kalender Beststeller mit über 2 Million verkauften Exemplaren.

Aktuell arbeitet Joscha Sauer an der Konzeption einer „NICHTLUSTIG“-TV-Serie. Ende dieses Jahres startet seine Crowdfunding-Kampagne, mit deren Hilfe die Produktion der Serie finanziert werden soll.

 

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