Koffer ersteigert!

– Wie die Fundsachenversteigerung der DB ihre Bieter in heftiges Auktionsfieber versetzt

Am Sonntag fuhr ich nach Freilassing in Oberbayern, um dort meine erste Fundsachenversteigerung zu besuchen. Um kurz vor zehn steige ich am Bahnhof aus und bemerke zwei 17-jährige Mädchen, die sich kichernd am Geldautomaten Bargeld besorgen. Diese ansteckende Vorfreude ist die erste von vielen Emotionen, die ich an diesem Versteigerungstag in Freilassing durchleben werde.

10 Uhr – Vorfreude: Bühne voller Auktionsbeute

Um zehn Uhr bezahle ich meinen Eintritt in die „Lokwelt“, in der bald die Aktion beginnen soll. Etwa hundert Menschen sind schon da, nehmen die besten Plätze in den ersten Reihen ein, drängelten sich über die von Koffern, Kisten und Trödel überquellende Bühne und begutachteten die Fundsachen. Instrumente werden angespielt, Fahrräder aus- und Motorradjacken anprobiert. In der schwül-heißen Luft dieser Halle liegen Vorfreude und Anspannung.

Ich mische mich unter die Leute und sehe mich um. Ganz Freilassing scheint heute her zu kommen! Ich staune nicht schlecht, als ich sehe, was die Menschen in der Bahn so verlieren. Riesige Lampenschirme, Posaunen aus rotem Plastik, Brotkästen, Schweißermasken und ein Taxi-Schild fürs Autodach? Ganz schön skurril.

Auch erstaunt mich, dass so viel Wertvolles unter den Hammer kommt, wie viele ehrliche Finder es gibt. Ich frage mich, ob ich einen Ring von Bulgari abgeben würde, eine Cartier Brillenfassung oder eine liegengebliebene Leica Kamera, bei der mein Herz schon vom bloßen Anschauen schneller schlägt? Ja gut, auch ich wäre damit zum Fundbüro gegangen (spätestens seit ich weiß, dass ich mich sonst strafbar mache).

11 Uhr – Aufregung: Auktion beginnt

Es geht los! Auktionator Walter Schreiner begrüßt das Auktionspublikum mit einnehmendem Ruhrpott-Charme und erklärt den Ablauf. Dann beginnt seine Show. Zwei Assistentinnen bringen ihm Fundstücke nach vorn, er sagt einige Worte dazu und nennt den Einstiegspreis. Das Publikum bietet sich nur langsam warm. Viele sind noch zu aufgeregt oder scheu, warten erst mal ab. Im Saal ist es heiß, es wird gemurmelt, gerufen, manchmal geklatscht und gelacht.

11:30 Uhr – Ehrfurcht und Mitleid

Die ersten hochpreisigen Stücke werden präsentiert. Ein ehrfürchtiges Raunen geht durch die Menge. Der Wert einer Kinderbratsche ist auf 1.600 Euro taxiert. Ein fast neues E-Mountainbike hat einen Einstiegspreis von 1.000 Euro. Und auch für goldene Uhren, Profi-Kameras und begehrte Apple-Elektronik müssen die Bieter tief in die Tasche greifen. Doch die scheinen beim Auktionspublikum heute gut gefüllt zu sein!

Ein bisschen Mitleid bekomme ich mit denen, die all diese Sachen in der Bahn haben liegenlassen – außer mit dem armen Kind, das Bratsche lernen sollte. Das hat sich über den Verlust möglicherweise sogar gefreut …

Jährlich kommen etwa 250.000 Fundgegenstände zusammen. Davon erreichen 60 Prozent wieder ihren ursprünglichen Besitzer. Eine super Quote, die dem Fundservice-Team, ihren Spürnasen und ihrer Cleverness zu verdanken ist, mit denen sie die Eigentümer ausfindig machen.

Ich finde es beachtlich, wie viel Arbeit die Fundservice-Mitarbeiter in die Vorbereitung dieser Auktion gesteckt haben. Sie recherchieren online, um den Wert von Markenkleidung & Co. richtig einschätzen zu können. Zusätzlich werden Sachverständige hinzugezogen: Ein Musikhaus schätzt den Wert einer alten Geige, ein Juwelier prüft die Echtheit der Schmuckstücke, ein Fotofachhändler checkt die Kameras. Und wenn es sein muss, wird auch schon mal eine Handtasche zu Louis Vuitton auf die Düsseldorfer Kö geschleppt. Wer sonst könnte Original und Fälschung besser auseinanderhalten?

12 Uhr – Kaufrausch: Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten

Jetzt ist die Aktion voll in Fahrt. Einige Bieter aus den ersten Reihen haben die Nase vorn. Es sind Stammgäste mit roten Wangen, die ihrer Aktionsleidenschaft nachgehen und bei den unterschiedlichsten Fundstücken mitbieten. Die Stimmung erreicht viertelstündlich einen Höhepunkt – nämlich dann, wenn ein Überraschungskoffer unter den Hammer kommt. Manchmal kommentiert der Auktionator den Kofferinhalt: „Trachten-Freunde aufgepasst, hier sind Lederhosen drin!“ Dann ruft das Publikum ihm lauthals Preise entgegen „Fünfzig!“ „Hundert!“ Die begehrten Stücke gehen für weit über hundert Euro weg. Der Koffer voller Trachtenkleidung endet bei „340 Euro!

Fundsachenversteigerung: Überraschungskoffer

Die Stimmung explodiert jedes Mal, wenn ein Überraschungskoffer unter den Hammer kommt

13 Uhr – Müdigkeit und Auktionsfieber

Langsam macht sich bei vielen die Hitze bemerkbar. Der Auktionator zeigt dagegen überhaupt kein Anzeichen von Ermattung, er rockt die Bühne wie ein Duracell-Hase, macht Scherze mit den Assistentinnen, probiert Sombreros und Brillen an und lässt jetzt zur allgemeinen Erheiterung die schlüpfrigen Fundstücke auffahren: Glitzerfummel, Dessous und High Heels. „Die sind der Burner!“ ruft er bei einem besonders heißen Paar Stiefel in Größe 36. Junge Männer ersteigern freudig die Fundstücke, während sich deren Freundinnen die Hände vors Gesicht halten. Alles nur Spaß, davon werden Sie am Montag ihren Kollegen erzählen.

Wenige Bieter scheinen mit Verstand oder Konzept an die Sache heranzugehen. Kaum jemand recherchiert mit dem Smartphone nach dem Wiederverkaufswert oder hinterfragt, ob er für eine Sitztrommel überhaupt genügend Rhythmusgefühl hat. Das Auktionsfieber führt zu warnenden Worten des Auktionators: „So, jetzt Vorsicht mit der Hand!“ Er hievt einen potthässlichen Kronleuchter hoch. Die ersten Gebote werden gerufen. „12 Tacken? Da sind keine Glühbirnen drin, wisst ihr das? 20? Leute, der ist nicht aus Gold! 30 Euro?! Ehrlich?!“ Er schüttelt lachend den Kopf.

Kronleuchter Nahaufnahme - Versteigerung Fundbüro Bahn

Ein Kronleuchter von zweifelhafter Schönheit bekommt bei der Aktion einen neuen Besitzer

14:30 Uhr – Sportlicher Ehrgeiz gepaart mit Neugier

Plötzlich wird ein Koffer auf die Bühne gerollt, der mich gleich anspricht. Ich hebe meine Hand „Zwanzig!“ Zwei weitere Bieter steigern mit. Ich habe mir 100 Euro als Limit gesetzt – ob das reicht? Ich habe Spaß und bin wirklich neugierig, was im Koffer ist! Außerdem sitze ich hier schon viereinhalb Stunden und will jetzt endlich mal als Sieger hervorgehen. Ich kann jetzt nachvollziehen, warum manche Bieter den Preis so hochschaukeln – es steckt eine Art sportlicher Ehrgeiz dahinter! Ich gebe nicht auf und bekomme den Zuschlag für 62 Euro. Ich zahle bar an der Kasse, bekomme meine Quittung und den Koffer.

15:15 Uhr – Am Ende steht die Überraschung

Ich schleppe mein ersteigertes Fundstück in eine ruhige Ecke und mache ihn auf. Der Koffer ist randvoll mit Gesellschaftsspielen, DVDs, Spielzeug und Bastelsachen. Wie cool, damit habe ich nicht gerechnet!

Erschöpft von der Hitze, den vielen Eindrücken und unterschiedlichen Emotionen des Tages setze ich mich in den nächsten Zug und trete meine Heimreise an. In München setzt sich eine Mutter mit ihrem kleinen Mädchen zu mir, die gerade aus Kroatien nach Deutschland geflogen sind. Das Mädchen weint fürchterlich, vermutlich ist sie von der Hitze und der Reise einfach müde. Da fällt mir mein Koffer ein! Ich winke das Mädchen zu mir und klappe den Deckel auf. Wir sprechen zwar nicht die gleiche Sprache, aber ihre Freude und Dankbarkeit verstehe ich auch ohne Worte. Mein ersteigerter Koffer voller Kinderspaß war ein wahrer Glücksgriff für uns beide.

Wertvolle Tipps von Udo Feld

Udo Feld ist Leiter der DB-Fundbürozentrale in Wuppertal. Mit seinen Tipps verhindern Sie, dass Ihre verlorengegangene Sache bei einer Fundsachenversteigerung landet:

  1. Melden, melden, melden
    Sobald Sie merken, dass Sie auf Ihrer Bahnreise etwas verloren haben: Hier geben Sie online eine Verlustmeldung auf. Glauben Sie an die Ehrlichkeit der Finder! Mehr Informationen zum Fundservice der DB.
  1. Geben Sie eine hilfreiche Beschreibung ab
    Schreiben Sie in Ihre Verlustmeldung nicht bloß „blauer Rucksack mit Sachen drin“ – das ist zu allgemein. Schreiben Sie aber bitte auch keine Romane. Beschreiben Sie besser Charakteristika, wie „Schalke-Aufnäher auf dem Reißverschlussfach“ oder „es hängt ein Plüsch-Schaf dran“ oder auch „im Rucksack befindet sich eine silberne Thermoskanne“.
  1. Beschriften Sie Ihr Gepäck
    Schreiben Sie auf das Namensschild Ihres Koffers auch Ihre Telefonnummer. Hängen Sie Adress-Anhänger an Rucksack und Laptoptasche. Legen Sie einen Zettel mit Ihren Kontaktdaten in den Instrumentenkoffer oder Ihre Fototasche.
  1. Nutzen Sie elektronische Kniffe
    Prüfen Sie, ob Sie bei Ihrer Fotokamera ein Copyright-Vermerk hinzufügen können, der in den Metadaten jedes Fotos gespeichert wird. So kann der Fundservice Ihren Namen herausbekommen. Kennen Sie die IMEI-Nummer Ihres Handys? Notieren Sie sich diese, denn sie hilft dem Fundservice dabei, gefundene Handys dem Besitzer zuzuordnen. (Tippen Sie über die Telefontasten die Kombination *#06# ein, dann wird Ihnen die IMEI-Nummer angezeigt). iPhone Besitzer können auch die Funktion „Notfallpass“ nutzen oder in den Siri-Einstellungen unter „Meine Info“ die eigene Kontaktkarte hinzufügen.