Eine ganz neue Masche

– Was für wunderbare Werke auf einer Zugfahrt entstehen können, haben Bahnreisende im Eventzug „Kreativität“ unter Beweis gestellt.

„Was für eine gute Stimmung“, freut sich Louis, „das ist ja cool!“ Tatsächlich hat sich der Wagen drei des ICE von Baden-Baden nach Hamburg in eine Bastel- und Handarbeitswerkstatt verwandelt: Dort, wo sonst Gepäck lagert, stapeln sich Stifte, Farben, Wollknäuel und Origamisets. Auf den Sitzen und an den Tischen wird gehäkelt, gezeichnet und gefaltet. Heute darf jeder seiner Kreativität freien Lauf lassen.

 

Analog statt digital

Louis und Maila, beide aus Freiburg, beide 19 Jahre alt, schnappen sich sofort Postkarten zum Selberbemalen. Die gehen dann an die Familie. Das ist mal was anderes als eine SMS oder WhatsApp-Nachricht.

Auch die beiden Freundinnen aus Dänemark – beide hören auf den Namen Ann-Sofie – finden die Idee, im Zug zu basteln, toll. Ihnen hat es das Origami angetan. Viel Zeit bleibt den Däninnen, die mit einem Interrail-Ticket Europa bereisen, nicht. Schon in Karlsruhe steigen sie um. Davor erzählen sie noch, dass sie auch zu Hause gerne Papiertiere falten. In Skandinavien liegt Handarbeit genauso im Trend wie in Deutschland.

Impressionen aus dem Kreativ-Zug
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Stricken gegen Stress

Denn Handarbeiten macht gute Laune und entspannt. Zum Beispiel Stricken: Das sorgt „fürs Runterkommen nach einem anstrengenden Arbeitstag“, sagt Monika Löffler. Die Göppinger Betriebswirtin fährt relativ viel Zug und hat immer ihre Stricknadeln dabei. Gerade ist ein luftiger Schal für einen ihrer Enkel in Arbeit.

Ihr gegenüber sitzt Gabriele Grimm, die von der Aktion nichts wusste, aber dennoch hocherfreut ist. „Eigentlich habe ich etwas zu Lesen dabei, aber das Angebot hier am Platz hat mir Lust gemacht, auch Nadeln in die Hand zu nehmen“, sagt die 65-jährige. Warum kann die Bahn so etwas nicht öfter machen, fragt sie. „Das ist die beste Medizin gegen Aggressionen. Wer strickt, näht oder bastelt, ist eigentlich immer positiv gestimmt.“

Im Papierzoo

Das hätte ich der Deutschen Bahn gar nicht zugetraut. Warum gibt es so etwas nicht bei uns in der Schweiz? Giordano Dandolo

Gute Laune hat auch Familie Dandolo aus der Schweiz. Seit 8 Uhr morgens sind sie schon im Zug unterwegs, begonnen hat ihre Reise in Zürich. Anna, 11 Jahre alt und Tom, ihr 14-jähriger Bruder basteln Tiere aus Papier. „Guck mal, meinen Affen kann ich sogar in die Blumendeko hängen“, freut sich Tom. Auch Vater Giordano findet die Aktion gelungen. Gerade für Familien mit Kindern auf langen Strecken sei das eine tolle Abwechslung. Bis Hamburg werden sie noch einen kleinen Zoo gebastelt haben.

Einen Tisch weiter sitzt Suvrahit Saha und führt schwungvoll eine Feder über ein weißes Blatt Papier. Eine lockere Hand und ein Set Qualitätsfedern, das seien die wichtigsten Voraussetzungen, um Kalligrafie, die Kunst der Schönschrift, zu lernen, sagt der junge Mann bengalischer Herkunft. Die geschwungenen Buchsstaben lassen sich allerdings auch mit einem zeitgemäßen Marker aufs Papier malen. Es ist ein nachdenklicher, ruhiger Zeitvertreib, der viel Konzentration abverlangt. Von allen Buchstaben falle ihm das E am schwersten, sagt Saha. Das liegt wahrscheinlich an den vielen Schleifen.

Ganz begeistert von Sahas Kunst ist Zugbegleiter Ulf Dienstbier, der bei der Fahrkartenkontrolle am Kalligrafie-Tisch hängenbleibt. „Ich habe noch mit Federn und Tinte schreiben gelernt“ erzählt Dienstbier, während er eine Feder zwischen Daumen und Zeigefinger hin- und herdreht. War das nicht schwer, Herr Dienstbier? „Nein! Ich hatte in Schönschrift immer eine Eins.“

 

Literaturtipps:

So klappt es mit dem...

  • ...Stricken:

    Die wichtigsten Kniffe für Anfänger und tolle Anleitungen für selbstgestricktes – vom Stirnband bis zum Sitzpouf – hat Nina Schweisgut in „Das geniale Schnellstricker-Buch: 40 schöne Ideen für Dich und Dein Zuhause“ versammelt. Erschienen im blv Verlag, 16,99 Euro.

  • ...Schönschreiben:

    Geht auch ohne Tinte und spitze Federn. Mehr dazu erfährt man in dem Buch von Andreas Lux "Neue Wege zur Kalligraphie“. Erschienen im Frechverlag, 8,99 Euro.

  • ...Tiere zeichnen:

    Wie man ein Tier in Grundformen wie Dreiecke, Ovale, Kreise und Vierecke aufzulöst und dann ausarbeitet, ist sehr anschaulich in „Die Kunst des Zeichnens - Tiere“ aus dem Topp Verlag erklärt (14,99 Euro).

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