Mikrokosmos Bahnhof im Wandel der Zeit

Reisen, Warten, Essen, Shoppen – Bahnhöfe gestern und heute

Können Sie sich vorstellen, vor der Abfahrt Ihres Zuges persönlich vom Zugpersonal begrüßt zu werden? Oder in einem Wartesaal mit weiß eingedeckten Tischen zu sitzen? Bahnhöfe und der Service rund um die Zugfahrt haben sich im Laufe der Zeit stark verändert. Denn auch wenn die Architektur und die Bahnanlagen oft gleichgeblieben sind, so sind die großen Bahnhöfe immer auch Spiegel des gesellschaftlichen Wandels. Kommen Sie mit uns auf eine kleine Zeitreise!

Abfahrt und Ankunft am Bahnhof

Das Winken aus dem Zugfenster war lange Zeit ein verbreitetes Abschiedsritual am Bahnsteig. Mit unseren modernen ICE- und Intercity-Zügen ist dies nicht mehr möglich, denn wegen der Klimaanlage lassen sich die Fenster nicht öffnen. Eigentlich schade, aber wer möchte heute noch in einem nicht klimatisierten Fernverkehrszug reisen?

Digitales Ticket inklusive Sitzplatzreservierung auf dem Smartphone, Abfahrt, Gleis und Wagenreihung über die App DB Navigator gecheckt – so gut vorbereitet starten heute viele ihre Zugfahrt. Ganz anders war das in den Anfängen der Eisenbahn. Damals stellten sich die meisten Reisenden am Bahnhof die Fragen: Wo bekomme ich meine Fahrkarte her? Wo ist mein Bahnsteig und wann geht mein Zug? Zur Orientierung in den weiten Hallen der Großstadtbahnhöfe gab es Infotafeln, Fahrpläne und Hinweisschilder wie „Wartesaal“ oder „Bahnhofsgaststätte“. Und die Abfahrt oder Ankunft eines Zuges wurde zunächst vom Stationsdiener persönlich ausgerufen! Erst seit dem Ende der 1920er Jahre kommen die Durchsagen über Lautsprecher.

Die sprichwörtliche Pünktlichkeit der Bahn

Im Vergleich zu heute waren früher natürlich deutlich weniger Züge und weniger Reisende unterwegs. Es gab tatsächlich vereinzelt Aushänge, die dazu aufforderten, pünktlich am Bahnhof zu erscheinen. Der Zeitdruck, den die Eisenbahn ausübte, spielte damals eine bedeutende Rolle. Zahlreiche Karikaturen amüsierten sich über die Angst vieler vor dem Zu-spät-Kommen und das sprichwörtliche „es ist höchste Eisenbahn“ kam um 1920 auf. Bei dem heutigen hohen Verkehrsaufkommen wird die Pünktlichkeit der Züge aufmerksam in den Medien verfolgt und die Pünktlichkeitswerte werden monatlich veröffentlicht.

Historisches Foto: Fernverkehrszug „Roland“.

Beim Halt am Bahnhof wurden den Reisenden Essen und Getränke durchs offene Fenster verkauft. Hier sieht man den Fernverkehrszug „Roland“, der in den 1950er und 1960er Jahren nur mit 1. Klasse-Wagen fuhr.

Von der Bahnhofshalle zum Einkaufsparadies

Lange Zeit wurden Fahrkarten für die 1., 2. und 3. Klasse direkt am Bahnhof an den Schaltern gekauft. Danach musste das große Gepäck aufgegeben werden, und zum Bahnsteig gelangten Reisende nur mit einer Fahr- oder Bahnsteigkarte. Die Abfahrt mit dem Zug war also ähnlich geregelt wie heutzutage der Abflug an Flughäfen. Interessant zu wissen, dass damals eine Zugfahrt auch entsprechend teuer war: Die 2. Klasse entsprachen damals preislich der heutigen 1. Klasse!

Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Gepäckannahmen und Bahnsteigsperren nach und nach abgeschafft, die langen Reihen der Ticket-Schalter wurden in moderne Reisezentren verlegt. Der Platz wurde frei für wachsende Shopping-Angebote. Zu den oft schon vorhandenen Blumenläden und Buchhandlungen kamen Modeläden, Fast-Food-Restaurants und vieles mehr. Seit den 1990er Jahren entstanden an einigen Bahnhöfen ganze Einkaufspassagen. Diese locken auch Menschen in die Bahnhöfe, die gar nicht verreisen wollen. Da mag der ein oder andere die Händler mit ihren Bauchläden vermissen, die bis in die 60er Jahre vom Bahnsteig aus den Reisenden im Zug Essen und Getränke durchs offene Fenster verkauften!

Ausstellung „Bahnhofszeiten“ im DB Museum Nürnberg

Die Ausstellung „Bahnhofszeiten“ im DB Museum Nürnberg zeigt anhand vieler spannender Exponate aus drei Jahrhunderten das vielfältige Geschehen an den Bahnhöfen. An mehreren Medienstationen sehen Sie Menschen, wie sie in früheren Zeiten in den Bahnhof kamen. Mit der Eröffnung der Ausstellung „Bahnhofszeiten“ ist auch der „Wartesaal für Allerhöchste Herrschaften“ wieder für Besucher zugänglich. Alle Infos zur Dauerausstellung im DB Museum Nürnberg gibt es hier.