Platz 2 im Schreibwettbewerb

– Ann-Katrin Auch belegte den zweiten Platz. Lesen Sie hier "Onkel Milos letzte Reise".

Wenn sich über 1.000 Autoren an einem Schreibwettbewerb beteiligen, hat die Jury die Qual der Wahl. Die besten Geschichten stehen jedoch nun fest und wir möchten Sie Ihnen vorstellen. Diese wurde auf den zweiten Platz gewählt:

Onkel Milos letzte Reise

Ich erinnere mich noch gut an Onkel Milos letzten Besuch in Deutschland. Ich war gerade zwölf Jahre alt geworden und saß mit meinen Eltern nach dem Abendessen auf der Terrasse. Wir spielten Mau-Mau, als plötzlich das Gartentor quietschte und eine große Gestalt mit einer Reisetasche um den Kirschbaum bog. Das Gesicht unter einer Kapitänsmütze versteckt, die Sonne im Rücken. Ich erkannte ihn sofort.

„Onkel Milo!“, als ich aufsprang, riss ich das Tischtuch und damit drei Gläser Pfirsicheistee mit. Milo hatte die Angewohnheit, unangekündigt aufzutauchen und ebenso heimlich wieder zu verschwinden. Wenn man am Morgen aufwachte, fand man eine Blume auf dem Esstisch, im Winter einen Tannenzapfen, vielleicht einen Stein. Das war sein stiller Abschiedsgruß. Abschied, das wussten wir, viel ihm schwer, diesem großen, alten Mann, der schon seinen Sohn und seine Frau verabschiedet hatte.

Ich warf mich in seine Arme, die trotz seines Alters immer noch stark waren.

„Mala Katica, moja Katica“, rief Onkel Milo und wirbelte mich durch die Luft. Mama begrüßte ihn lachend, auf einer Sprache, die wie warme Sommerabende in Tante Anas Kuča klang, mit Wassermelone und Slivovic.

Onkel Milos Besuche waren Stürme, die durch unseren Alltag wirbelten. Er überredete Mama, ihren strengen Speiseplan, der extrem viel gesundes Gemüse vorsah, für Pfannkuchen und Ćevapčići über Bord zu werfen. Freitags spielten wir Gegensätzetag. Dann durfte ich bestimmen, was zu tun war. Wir aßen Spaghetti mit Fingern und zum Frühstück Eis. Nie aßen wir so lecker, wie mit Onkel Milo am Tisch. Nie lachten wir so viel.

Grün verschwimmen Büsche und Bäume am Rand der Gleise, während der ICE mit über 200 Sachen Richtung Süden brettert.

„Die Fahrscheine bitte“, sagt plötzlich eine Stimme neben mir. Die Frau trägt die Uniform der Deutschen Bahn. Ihr Gesicht ist streng und freundlich zugleich. Ich reiche ihr meine zerknitterte Fahrkarte, sie stempelt, bedankt sich und geht weiter.

„Katica?“, fragt Slavko, mein Großcousin, der wie alle einfach den Spitznamen übernahm, den Onkel Milo mir vor langer Zeit gab.

„Weiß du, was meine schönste Erinnerung an ihn ist?“

„Nein, was?“

„Es war Herbst und alle Jungs aus meiner Klasse waren…“

„Oh, die Geschichte!“, ruft Onkel Luca und streckt seinen Kopf über den Vordersitz zu uns nach hinten.

„Was für eine Geschichte?“, fragt Tante Irena, Milos Schwester, die links von uns auf der anderen Seite des Ganges sitzt. Und plötzlich sind alle Ohren gespitzt.

„Die Geschichte von Milo dem Zauberer“, sagt Slavko, räuspert sich theatralisch und fährt fort: „Sie spielt in jenem Herbst, als alle Jungs meiner Klasse einen Kopf größer und die Stimme eine Oktave tiefer aus dem Urlaub zurückgekehrt waren. Nur ich nicht. Ich war immer noch der kleine, dürre Slavko. Und die Jungs spotteten über mich. Slavko, deine Mutter hat mehr Haare am Sack als du.“, sagte Slavko und imitierte die Stimme der Halbstarken.

Tante Irena verschluckt sich an ihrer Caprisonne und prustet sie Marica, die neben ihr sitzt, ins Gesicht: „Haha, Marica, hast du gehört? Du hast mehr Haare als dein Sohn!“ Marica grinst und wischt sich den Saft von der Nase.

„Drei Haare auf der Brust, ich heiße Slavko“, setzt dieser unbeirrt seine Geschichte fort. „Slavko, jetzt, wo ich dich sehe, fällt mir ein, dass ich den Müll noch runterbringen muss.“ Doch plötzlich schlägt Slavkos Stimmung um. Das Grinsen verschwindet: „Damals habe ich es gehasst, zur Schule zu gehen.“

„Du hast die Schule immer gehasst, Slavko“, sagt Marica, und piekst ihren Sohn in die Seite.

Slavko schmunzelt: „Ja, aber damals ganz besonders! Naja, jedenfalls könnt ihr euch schon denken, Onkel Milo stand plötzlich vor der Tür. Aber mein Kopf war so schwer, meine Augen so müde, meine Ohren so taub, dass ich mich nicht richtig freuen konnte.“

„Und Milo hat natürlich sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt!“, ruft Ante von weiter vorne im Zug.

Slavko nickt grinsend: „Onkel Milo hat es natürlich sofort gemerkt. Am nächsten Tag stand er plötzlich vor der Schule. Und da hat er die Sprüche gehört. Slavko, hast du Höhenangst, wenn du an der Bordsteinkante stehst?! … Dann sind die Jungs plötzlich verstummt. Haben Onkel Milo doof angeglotzt, wie er da stand, riesig, mit seiner Kapitänsmütze, ein Fels.

Onkel Milo sagte: »Unkraut« und deutete auf einen Löwenzahn, der sich ein paar Meter weiter zwischen den schiefen Pflastersteinen emporwand: »wachsen schnell. Aber starke Baum«, er deutete auf den großen Kastanienbaum vor der Schule: »wachsen langsam. Musst du entscheiden: Willst sein Unkraut – oder starke Baum?«“

„Typisch Milo“, lacht Papa und wischt sich Tränen aus den Augen. Schnapsgläser werden ausgepackt und rumgereicht.

„Auf Milo, den Fels, den starken Baum, den Unverwüstlichen“, ruft Ante.

„Auf Milo“, ruft die Sippe im Chor und trinkt.

Dann setzt Slavko die Geschichte fort: „Svens Blick wanderte unsicher von mir, zu Milo, zum Baum, zum Löwenzahn – und wieder zurück zum Baum, den er lange anstarrte, ohne ein Wort zu sagen.

Onkel Milo nickte ernst: »Dann du musst viel wachsen.« Er klopfte mit seiner Faust auf die Brust. »Hier. Drin.«

Das war das erste Mal, dass ich Sven sprachlos erlebte. Milo blickte zu mir herab und da blitzte das verschmitzte Milo-Grinsen auf, mit der großen Lücke zwischen den Schneidezähnen.

»Gehen nach Hause«, sagte er und wandte sich ab. Ich beeilte mich ihm zu folgen und jubilierte innerlich. Ich war ein starker Baum. Keine Frage.“, Slavko lacht, streckt sein Schnapsglas in die Luft und ruft: „Auf Milo, den Zauberer!“

„Auf Milo“, ruft der Rest des Zuges und trinkt.

In München steigen wir in einen Bus um. Dort stößt der Münchner Teil unserer Verwandtschaft dazu. Die Geschichten über Onkel Milo nehmen kein Ende. Jeder hat seine ganz persönliche und ich habe das Gefühl, hier auf dieser Reise Richtung Süden ist er bei uns. Ein letztes Mal.

Als wir in Zagreb am Busbahnhof ankommen, müssen wir direkt weiter zum Friedhof Mirogoj. Und ich denke an jenen letzten Sommer mit Milo, der schon viel zu lange zurück liegt. Ich denke an Mikesch, meinen Kater, der gerade gestorben war und an meine unendliche Trauer.

Papa hatte ein kleines Holzkreuz gebastelt, mit Mama hatte ich Steinnelken auf das kleine Grab gepflanzt. Nun stand ich davor, Onkel Milo, mein Fels, neben mir und wir schwiegen lange Zeit.

Schließlich brach Milo die Stille: „Wieso traurig, Katica?“

Ich blickte zu ihm auf. Empört über diese Frage, deren Antwort doch allzu offensichtlich war. Doch als ich Milos ernsten Blick sah, antwortete ich stammelnd: „Weil … Mikesch … tot ist!“

Doch Milo schaute immer noch fragend, als würde er nicht verstehen. „Weil er nicht mehr bei mir ist. Weil er mir fehlt“, versuchte ich zu erklären und schon stieg das Schluchzen wieder in meine Kehle.

„Ja, Mikesch fehlt“, sagte Milo. „Aber Mikesch jetzt an gute Ort. Mikesch jetzt dort mit meine Frau Ivana und Sohn Vladimir. Spielen auf grüne Wiese. Fangen Maus und Schmetterling. Und schauen manchmal uns, hier, auf Erde, was wir machen, wie uns gehen. Und warten, freuen und warten, bis wir kommen.“

Ich hatte aufmerksam zugehört. Langsam waren meine Tränen versiegt. Staunend blickte ich von Slavko auf das Grab meines Katers. Ich hatte schon viel über den Himmel gehört. Aber niemand hatte ihn bislang so klar gezeichnet. Ich sah vor mir einen Ort, an dem wir alle zusammen sein konnten. An dem die, die schon gegangen waren, auf den Rest von uns warteten. Und plötzlich wurde meine Trauer zu einem großen, starken Gefühl in meinem Bauch, zu einer Vorfreude auf die Zeit, in der wir alle wieder zusammen waren.

Als ich an seinem Grab stehe, versuche ich die Person Onkel Milos einzufangen. Ich denke an einen Mann, der sanftmütig war, der sich für die Menschen einsetzte. Ich denke an einen Mann, der zaubern konnte, an einen Mann, der stark war wie ein Berg. Ich denke an einen Mann, der Freude versprühte, der meine Eltern wieder zu Kindern machte.   

Die Trauer liegt in meinem Magen. Ein schwerer Stein, der mich in die Tiefe zieht. Nur mit großer Mühe rufe ich mir ins Gedächtnis, was mich Onkel Milo vor langer Zeit lehrte: „Abschied tut weh“, hatte er gesagt und für eine Sekunde war all der Schmerz über das wettergegerbte Gesicht gehuscht, das sonst immer fröhlich, immer lachend, immer Leben war. „Aber Abschied ist nur für kurze Zeit.“

Ann-Katrin Auch

Sie möchten auch die beiden Geschichten lesen, die den ersten und den dritten Platz belegt haben? „Zugvogel“ von Eva M. Durstewitz-Marschall finden Sie in diesem Artikel, „100 km sind keine Entfernung“ von Marlies Kalbhenn finden Sie hier.