Platz 3 im Schreibwettbewerb

– Marlies Kalbhenn belegt mit "Hundert Kilometer sind keine Entfernung" den dritten Platz. Lesen Sie hier Ihre Geschichte.

Hundert Kilometer sind keine Entfernung. Schon gar nicht, wenn man die Reise mit einer spannenden Lektüre verbringen kann. Wir wünschen Ihnen viel Spaß mit der Geschichte, die den dritten Platz in unserem Schreibwettbewerb belegt hat.

Hundert Kilometer sind keine Entfernung – Eine Bahngeschichte

„Eine Bahngeschichte? Das dürfte dir doch nicht schwerfallen.“

„Tut es aber.“

„Warum?“

„Weil es nicht DIE EINE gibt, sondern viele erzählenswerte: abenteuerliche, traurige, fröhliche Bahngeschichten.“

„Fang mit einer an“, sagt Max.

„Aber mit welcher?“

„Mit der weitesten und – vielleicht – wichtigsten?“

Während ich noch überlege, stellt der auf seine Art einmalige Ehemann die Tagesschau an. Obama, Putin, die Ukraine-Krise, ein neuer kalter Krieg, in dem jede Seite nicht nur mit Worten sondern auch mit Waffen ihre Stärke demonstriert: Plötzlich weiß ich, welche Bahngeschichte ich erzählen werde.

Im Juli 1978, Glasnost und Perestroika lagen noch in weiter Ferne, stiegen Max und ich an einem Sonntagmorgen gegen zwei oder drei Uhr in Bielefeld in den Paris-Moskau-Express.

Der russische Schlafwagenschaffner öffnete die Tür zu unserem Zweibettabteil, bat um unsere Ausweise, damit wir die erste Grenzkontrolle verschlafen könnten, und wünschte uns eine gute Nacht.

Hannover, Berlin, Frankfurt/Oder, Warschau, Brest-Litowsk, Minsk, Moskau … Nie vorher waren wir mit dem Zug so weit gefahren.

Bäuchlings auf dem oberen Bett liegend und aus dem Fenster schauend, ließ ich, nachdem Michail – seinen richtigen Namen habe ich vergessen – uns am Vormittag Tee aus dem Samowar serviert und das Abteil gereinigt hatte, stundenlang Landschaften und Städte an mir vorbeiziehen.

Irgendwann im Laufe dieses Sonntags, ich hatte mir im Gang ein wenig die Beine „vertreten“, kamen wir ins Gespräch, der Schaffner und ich. Zum Glück für mich sprach er ganz gut Deutsch; denn mit meinem Russisch, das ich zur Vorbereitung auf die Reise in einem Volkshochschulkurs gelernt hatte, kam ich, wie ich schnell merkte, nicht weit.

Als Michail mich fragte, warum wir ausgerechnet in die Sowjetunion führen, wo uns Westdeutschen doch die ganze weite Welt offen stünde, erzählte ich ihm von meinem Schwiegervater und meinem Vater, die 1942 nach Moskau beziehungsweise Leningrad gefahren waren.

„Nicht als Touristen, sondern als Soldaten“, sagte ich leise.

„Und wer von beiden war in Leningrad?“

„Mein Vater. Nicht in Leningrad direkt, sondern an der Wolchowfront, bis zu seiner Verwundung auf den Ssinjawinohöhen.“

Dort sei er auch gewesen, sagte Michail, auch im August 1943.

Vielleicht haben sie sich, ohne sich zu sehen, gegenübergestanden, dachte ich, vielleicht hat er sogar den Schuss abgegeben, der meinen Vater so verwundete, dass er Monate im Lazarett liegen musste. Vielleicht hat mein Vater aber auch auf einen Kameraden von Michail, einen Freund oder Bruder, geschossen und ihn – wer weiß – nicht nur verwundet, sondern getötet?

„Das nächste Mal müssen Sie nach Leningrad fahren“, sagte Michail, worauf ich ihm antwortete, dass wir das schon auf dieser Reise tun würden. „Fünf Tage Moskau, dann Bahnfahrt nach Leningrad, dort ebenfalls fünf Tage Aufenthalt, danach mit dem Zug nach Tallin, von dort mit dem Schiff über Helsinki nach Travemünde und ganz zum Schluss wieder mit dem Zug nach Bielefeld.“

„Das nächste Mal bringen Sie Ihren Vater mit. Dann zeige ich Ihnen Leningrad. Und vielleicht fahren wir ja gemeinsam an die Wolchowfront, nach Kirischi und auf die Ssinjawinohöhen …“

Wir kamen nicht dazu, das Gespräch weiterzuführen beziehungsweise zu vertiefen, geschweige denn, unsere Adressen auszutauschen. Vielleicht wollten wir das auch nicht, weil wir beide ahnten, dass die Zeit dafür noch nicht gekommen war; denn der Vorhang war noch da, wenn auch nicht mehr ganz so eisern wie vor dem „Moskauer Vertrag“ vom12. August 1970 und Willy Brandts „Kniefall von Warschau“ am 7. Dezember 1970.

Fast unwirklich die Nachtstunden in der Umspurhalle von Brest-Litowsk. Ich erspare mir, die technischen Details zu schildern, das können andere besser. Nur so viel: Wir konnten während des ganzen Vorgangs in unserem Abteil bleiben und sahen mit Verwunderung, dass wir uns plötzlich rund einen Meter über den Gleisen befanden …

Nachdem der letzte Grenzbeamte den Zug verlassen hatte, fuhren wir weiter, durch die weiten Weißrusslands jetzt, und schliefen irgendwann auch wohl wieder ein.

Spannend wurde es am Montagmorgen, als wir beim Frühstück im Speisewagen endlich die anderen Mitglieder unserer kleinen Reisegruppe und unsere sowjetische Reiseleiterin, Ludmilla, kennenlernten, die in der Nacht in Brest zugestiegen war.

Am Montagnachmittag erreichten wir das erste Ziel unserer Reise: Moskau.

Böse Zungen behaupten, das Beste an Moskau sei der Nachtzug nach Leningrad, das heute wieder St. Petersburg heißt. Ich widerspreche energisch. Auch Moskau hat mich fasziniert, wenn auch auf ganz andere Art …

Wir mussten das Schlafwagenabteil mit einem Ehepaar aus unserer Gruppe teilen. Nicht unbedingt die angenehmsten Bett- beziehungsweise Abteilgenossen, dachte ich und überlegte, wie wir das mit dem Ausziehen halten sollten.

Als Walter, wie ich ihn nenne, das Abteil begutachtet hatte, sagte er, als sei er von dem, was er gesehen hatte, angeekelt: „Also hier ziehe ich mich auf keinen Fall aus!“

Sagte es und stiegt, nachdem er sich nur seiner Schuhe entledigt hatte, in eins der beiden oberen Betten.

Seine Frau, Max und ich machten es ihm nach und begaben uns schuhlos, aber ansonsten voll bekleidet zu Bett: nicht wegen des Schmutzes, den ich übrigens auch nicht entdecken konnte, sondern aus Erleichterung, sich nicht die Blöße geben zu müssen …

Fünf berauschend schöne Tage in Leningrad, jetzt begleitet von Swetlana, fünf weiße Nächte – bevor wir mit dem Tageszug nach Tallin, der Hauptstadt Estlands, fuhren.

Wir saßen in einem Großraumwagen, außer uns Deutschen waren noch einige junge Franzosen an Bord, alle anderen, die große Mehrheit, waren Russen.

Es dauerte nicht lange, da packten sie ihren Proviant aus.

Keine Zugreise, ganz gleich, wie lang oder kurz sie auch sein mag, bei der nicht gegessen und getrunken wird.

Immerhin dauerte diese Fahrt den ganzen Tag, entsprechend groß waren die Vorräte, die sie großzügig mit uns Ausländern teilten.

Nachdem französischer Rotwein und russischer Wodka zwei-, dreimal die Runde gemacht hatten, lösten sich auch die Zungen der deutschen Mitreisenden.

„Hundert Jahre sind kein Alter, hundert Kilometer sind keine Entfernung und hundert Gramm sind keine Wodka“, sagte Walter und prostete dem Spender des „Wässerchens“ mit einem astreinen „Na s’drowje“ zu.

Nachdem die Franzosen, schon nicht mehr ganz nüchtern, die „Marseillaise“ und die „Internationale“ gesungen hatten, sangen die Russen das berühmte „Kalinka“ und das nicht weniger berühmte „Lied der Wolgaschlepper“ und weitere Lieder, deren Melodien wir kannten und in die wir einstimmten.

Als, wie zu erwarten war, wir Deutschen aufgefordert wurden, nun auch unseren Beitrag zum Sängerwettstreit zu leisten, war es ausgerechnet Walter, der sich nicht lange zierte, sondern das in Moskau erworbene Akkordeon hervorholte und „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ intonierte.

Und jetzt waren es die Franzosen und die Russen, die nach und nach einstimmten. Einige kannten sogar den deutschen Text. Heinrich Heines Lied von der „Loreley“, auf das selbst die Nazis nicht verzichten wollten und es deshalb als verfasserloses „Volkslied“ ausgaben: weltbekannt, weltbeliebt und der Verfasser zumindest in Frankreich und Russland mehr geschätzt als in Deutschland, wo man noch darüber stritt, ob die Universität in Heinrich Heines Geburtsort Düsseldorf, 1965 gegründet, nach ihm, dem deutschen Dichter von Weltformat, benannt werden sollte oder nicht.

Zur Erinnerung: Der Streit dauerte dreiundzwanzig Jahre lang. Erst seit Dezember 1988 heißt die Universität der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens Heinrich-Heine-Universität.

Auch die schönste Bahnreise geht einmal zu Ende.

„Sie stiegen ein als Fremde und stiegen aus als Freunde“, das trifft es sicher nicht. Aber der Gedanke, der  mir jetzt am Ende meiner Bahngeschichte durch den Kopf geht: Obama, Putin, Hollande, Merkel und weitere „Genossen“ mit reichlich Proviant und genügend Wein und Wässerchen in ein solches Abteil zu setzen, einem von ihnen ein Akkordeon oder eine Balalaika in die Hand zu drücken, die Türen zu verschließen und sie erst wieder zu öffnen, wenn die Herrschaften … dieser Gedanke hat doch was … Oder?

„Dieser Gedanke hat was“, sagt der auf seine Art einmalige Ehemann, nachdem er die Geschichte gelesen hat und zaubert eine Flasche Wodka aus dem Ärmel. „Lass uns darauf anstoßen!“

Marlies Kalbhenn

Sie möchten auch die beiden Geschichten lesen, die den ersten und den zweiten Platz belegt haben? „Zugvogel“ von Eva M. Durstewitz-Marschall finden Sie in diesem Artikel, „Onkel Milos letzte Reise“ von Ann-Katrin Auch finden Sie hier.