Puppenspielerin im Zugabteil

– Bernadettes bester Freund ist klein, kuschelweich und knuffig.

Mit Handpuppen aus Plüsch lässt sich nicht nur super spielen, sie werden auch zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Die 29-jährige Bernadette unterhält damit auf langen Bahnfahrten Kinder und Erwachsene. Was sie sonst noch mit ihrem kuscheligen Freund im Zug erlebt hat, erzählt sie uns im Interview

Therapie-Handpuppen von Bernadette Fischer

Flauschiger Reisebegleiter – Handpuppe Maurice (rechts im Bild) ist immer mit dabei.

Frau Fischer, Ihre Plüschpuppe heißt Maurice und ist was für ein Tier genau? Ein Löwe?

Das denken zwar viele, aber Maurice ist ein Kater! Genau genommen gehört er auch nicht mir, sondern meinem Freund. Der ist Psychologe und arbeitet in einer psychiatrischen Klinik in Osnabrück. Als er in eine andere Abteilung versetzt wurde, konnte er sie nicht mehr einsetzen. Seitdem leistet Maurice mir Gesellschaft. Ich pendle regelmäßig von Osnabrück nach Trier, wo ich studiere.

Warum brauchen Psychologen Handpuppen?

Gerade für die Arbeit mit traumatisierten Kindern sind die Puppen sehr wertvoll. Sie helfen, Vertrauen aufzubauen. Es gibt da ein Mädchen in der Klinik, das sich weigert, mit Menschen zu reden und mit der Außenwelt nur über ihr Plüschtier kommuniziert. Für Kinder ist die Hemmschwelle viel geringer, mit einer Puppe zu reden, als mit einem Erwachsenen. Das merke ich auch auf meinen Reisen.

Ach, dann kommt Maurice im Zug zum Einsatz?

Ja. Eines Tages saß bei mir im Abteil ein Mädchen, das selbst eine große Handpuppe dabei hatte. Der Zug war voll, und das Kind wirkte sehr eingeschüchtert. Ich habe versucht, sie aufzumuntern, habe Maurice seinen Arm vor dem Kopf halten und dann immer wieder rausgucken lassen, so als ob er sich versteckt. Plötzlich hat die Handpuppe des Mädchens das Gleiche gemacht. Am Ende haben wir den ganzen Waggon unterhalten. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Seitdem mache ich das regelmäßig, wenn ich unterwegs bin.

Das heißt, Sie verständigen sich pantomimisch?

Genau. Bauchreden kann ich nicht, laut reden möchte ich nicht, um die anderen Reisenden nicht zu belästigen. Aber Pantomime funktioniert super. Selbst viele Erwachsene sind erstaunt, weil sie gar nicht wissen, was man mit so einer Puppe alles anstellen kann. Maurice kann nicht nur das Maul auf- und zuklappen, sondern auch seinen Kopf oder die Pfoten bewegen. Wenn der Plüschkater die Tatzen leckt, schmelzen die Frauenherzen dahin!

Sie sind angehende Umweltwissenschaftlerin. Können Sie sich denn vorstellen, später selbst mit so einer Puppe zu arbeiten?

Lust hätte ich schon! Vielleicht gehe ich in die Umwelterziehung, da kann man Handpuppen auch gut einsetzen. Inzwischen hat Maurice auch Gesellschaft bekommen: Ich habe mir eine große Schildkröte, ein Häschen, eine Fledermaus und einen Raben zugelegt.

Maurice greift auf dem Bahnhof auch mal beherzt zu, wenn Not am Mann ist, haben Sie uns geschrieben. Was meinen Sie damit?

Da ging es um einen bestimmten Vorfall, den ich im Mai auf dem Bahnhof in Trier erlebt habe. Ich wollte gerade ein Foto mit der Handpuppe machen, da wurde ich plötzlich Zeuge, wie auf dem Bahnsteig nebenan drei junge Männer auf einen vierten losgegangen sind. Plötzlich lag er am Boden. Ich bin hingelaufen, habe die Angreifer weggezogen und laut um Hilfe geschrien.

Hut ab, so ein Eingreifen erfordert Mut. Hatten Sie keine Angst, dass die Schläger auf Sie losgehen?

In dem Moment habe ich nicht nachgedacht, sondern mich nur irrsinnig aufgeregt. Die Polizei war schnell da – aber in so einer Situation kommen einen auch drei oder vier Minuten endlos vor. Die drei Schläger wurden festgenommen. Die Verfahren laufen noch. Der Mann kam ins Krankenhaus.

Und wo war Maurice?

Der lag noch auf dem Bahnsteig gegenüber; ich hatte ihn in der Aufregung einfach liegen lassen. Ich hab mich dann erstmal mit Maurice hingesetzt, um nach der Aufregung durchzuatmen. Es war fast so, als würde mich meine eigene Therapiepuppe beruhigen.