Zeit für Dich – Zeit zum Schreiben: Das ist die schönste Kurzgeschichte

– Jury im Leserausch: 1.000 Autoren haben uns ihre Geschichten rund ums Bahnfahren präsentiert. "Zugvogel" hat gewonnen.

Es waren romantische, rührende und lustige Texte dabei, fantasievoll oder selbst erlebt. Die Entscheidung fiel der Fachjury unter Beteiligung der Süddeutschen Zeitung schwer – doch nun stehen die schönsten zehn Beiträge fest. Wir sagen DANKE an alle Teilnehmer und hoffen, unsere Gewinnergeschichte gefällt Ihnen.

Zugvogel

An diesem Morgen hatte ich besonders sehnsüchtig den Zugvögeln nachgeblickt. Sie flogen schon nach Süden. Und ich musste mich in den vollen Pendlerzug mit all den anderen Unausgeschlafenen setzen! Mit den Gedanken schon halb im Büro, wo heute richtig viel Arbeit warten würde, fand ich einen Platz, in dem Abteil, wo ich fast jeden Morgen saß. So gut wie immer ergatterte ich dort einen Fensterplatz und konnte an die Scheibe gelehnt die erwachende Landschaft vorbeirauschen sehen.

Seid ich mich daran gewöhnt hatte, dass er nicht mehr auf halber Strecke zustieg und mit seinem Lächeln meine Fahrt zur Arbeit aufhellte, hörte ich morgens nun immer laut Musik mit Kopfhörern. Die Landschaft, die entfernten Ortschaften und Autos vorm Zugfenster schmolzen ineinander. Je schneller wir wurden, umso unkenntlicher wurden die Konturen und einzelnen Farben. Es machte mir Spaß, diese immer neuen Bilder zusammenzuspinnen. Wenn ich gut gelaunt war und Glück hatte, tauchten dann Urlaubsorte, die letzte Party oder Gesichter guter Freunde vor mir auf und ich konnte die knappe Stunde Zugfahrt sogar genießen.

Ich hatte den ganzen Sommer über gebraucht, um mich an dieses Ritual der morgendlichen Fahrt zur Arbeit zu gewöhnen. Ab und an dachte ich etwas wehmütig daran, wie es noch vor einigen Monaten den ganzen Frühling über gewesen war. Im Januar hatte ich den neuen weiter entfernten Job angenommen und mir hatte anfangs vor der langen Anfahrt gegraut. Doch schon in den ersten Tagen war er mir aufgefallen. Der Zug war an einem Glatteismorgen sehr voll gewesen und er hatte einem älteren Mann, der in unser Abteil schaute, seinen Platz angeboten. Er war vor dem Abteil stehengeblieben und hatte mich durch die Glasscheiben hindurch nur flüchtig angelächelt.

Er fuhr die Strecke regelmäßig, genau wie ich und genau wie die Gruppe von Schülern, die noch morgens im Zug die Hausaufgaben erledigte und genau wie die wie beiden Zwillinge, die obwohl schon geschätzte siebzig immer im gleichen Outfit mit mir in den Zug stiegen.

Nach dem ersten Zughalt war er für gewöhnlich in mein Abteil eingestiegen und lachte mich von gegenüber an. Während es die ersten Tage genau dabei geblieben war, hatten wir nach einiger Zeit begonnen, uns morgens zu grüßen und irgendwann gemeinsam über den Zufall geplaudert, dass wir fast jeden Morgen im selben Abteil fuhren. Es war immer lustig gewesen, so schön unverbindlich und trotzdem nach einigen Wochen vertraut. Einmal hatte ich sogar mein Croissant mit ihm geteilt, nachdem er völlig verschlafen, unrasiert und ohne Frühstück ins Abteil gestürzt gekommen war. Als er einmal eine ganze Woche nicht zugestiegen war, konnte ich meine Erleichterung in der Folgewoche nicht verbergen, als ich ihn wiedersah. Er hatte nur eine Dienstreise unternommen und alles konnte wieder seinen gewohnten Lauf nehmen. Ich ertappte mich, dass ich begann, den Platz gegenüber für ihn frei zuhalten. Manchmal lasen wir gemeinsam Zeitung und lachten über dieselben Artikel oder über das Horoskop. Ich dachte an den einen Morgen im Frühling. Es war noch viel zu kalt gewesen, um in Sandalen am Bahnhof auf den Zug zu warten und ich hatte ihm im Abteil völlig durchgefroren über das Wetter hierzulande vorgejammert. Er war dann einfach aufgestanden, um kurzdarauf mit einem Becher heißen Milchkaffees wieder vor mir zustehen. Das hatte mich damals zwar sehr gerührt und ich weiß noch wie ich sogar Herzklopfen hatte. Aber geahnt hatte ich trotzdem nicht, wie sehr mir all das heute fehlen würde. Wenn ich meiner besten Freundin ab und an von meinem „morgendlichen Zugbegleiter“ erzählt hatte, musste sie stets schmunzeln und konnte nicht verstehen, warum wir nicht einfach mal Adressen austauschen würden oder uns außerhalb des Zugs treffen. Ich wimmelte immer ab. Das könnten wir immer noch irgendwann tun und außerdem sei das sein Job, mich vielleicht irgendwann danach zu fragen.

Irgendwann! Irgendwann im Frühsommer stieg er nicht mehr ein. Die ersten Tage war ich ganz entspannt und genoss es fast ein bisschen, Musik zu hören. Dann wurde es mir peinlich, den Platz weiter frei zuhalten und ich fand mich selber albern, als ich begann ihn zu vermissen. Lediglich eine knappe halbe Stunde Zugfahrt am Morgen hatten uns verbunden. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, ihn richtig gut zu kennen. Ich wusste zwar nicht viel, aber kannte ihn dennoch. Ich kannte seine Stimme, spürte, was ihn nachdenklich machte, wusste was er gerne frühstückte, welche Artikel in der Morgenzeitung ihn wütend machten, dass er später gerne fünf Kinder haben wollte und kannte sein Lächeln. Aber ich wusste nicht, wo er genau wohnte, keine Adressen und nicht einmal seinen Nachnamen.

Mir gegenüber saß jetzt häufig eine ältere Dame, die mir von ihren süßen Enkelkindern erzählte, wenn ich nicht gerade mit den Kopfhörern in die Landschaft draußen versunken war. An diesem Morgen war sie nicht da. Der Platz gegenüber blieb frei. Den ganzen Sommer hatte ich Zeit gehabt, mich daran zu gewöhnen, dass er nicht mehr in meinem Abteil fuhr. Die fast herbstliche Morgensonne verwischte die Wiesen und Ortschaften draußen heute mit milchigen Farben. Ich fror, weil ich dummerweise mal wieder viel zulange mit Sandalen am Bahnsteig gestanden hatte. Der Sommer war eigentlich schon um. Die ersten Zugvögel  flogen ja schon gen Süden. Da stellte mir jemand einen Milchkaffee vor die Nase und seine vertraute Stimme wünschte mir „Guten Morgen“.

Ich umklammerte den Pappbecher und schwor mir, ihn nie mehr loszulassen.

Eva M. Durstewitz-Marschall