Die Zeit vergeht wie im Zuge

– Marvin Wanders in seiner Kolumne über das Thema Zeit und wie man sie im Zug erlebt

Die Zeit vergeht, Dinge rauschen vorbei: Die Landschaft hinter dem Fenster, die Gesprächsfetzen der Passagiere.

Einer bleibt hängen:

„Papa, wann sind wir da?“, fragt ein Junge.

„Noch 45 Minuten“ antwortet der Vater leicht genervt, aber liebevoll.

„Wie lang ist das?“

Stille.

Ich kann es nicht sehen, aber sein Schweigen lässt vermuten: Die Frage überfordert den Vater.

Und bringt mich zum Grübeln: Denn wie will man einem Kind erklären, was 45 Minuten sind.

Eine Halbzeit beim Fußball? Zwei Folgen Friends? Dreimal Tagesschau? Alles keine Antworten.

Ich hoffe, mein Phone ist smarter als ich und tippe das Wortungetüm „Zeitverfluggeschwindigkeit“ ein.

Mehrfach erscheint das Lied „Vier Geschichten von Dir“ der Indie-Urgesteine Tocotronic. „Kennst du doch“, denke ich. Das Lied hatte ich in einem Alter gehört, als zu wenig Zeit zum ersten Mal als Problem auftrat.

Zwei Minuten, 50 Sekunden und etwas Datenvolumen gehen ins Land.

Von Wikipedia erfahre ich dann, dass der Zeitabschnitt, den wir als Gegenwart empfinden, etwa drei Sekunden dauert. Ich teste:

Eins.

Zwei.

Drei.

Angekommen in der Zukunft.

Und SPIEGEL ONLINE berichtet über Wissenschaftler, die ein Phänomen erklären, das wir alle kennen: Je älter wir werden, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Das liege daran, dass die gefühlte Zeitverfluggeschwindkeit immer im Verhältnis zum eigenen Alter stehe. Für einen Vierzigjährigen ist mit einem weiteren Jahr nur ein Vierzigstel seines Lebens vergangen. Für einen Vierjährigen ist es gleich ein Viertel.

Klingt alles plausibel. Auch wenn ich glaube, Empfindungen nicht mathematisch erklären zu können.

Angereichert mit Gesprächspulver über die Zeit bin ich geneigt, mein neu erworbenes Wissen mit Vater und Sohn zu teilen. Aber wo sind sie hin?

Ich schaue auf den Zeitmesser an meinem Handgelenkt und merke: In der Bahn vergeht die Zeit anscheinend schneller als anderswo. Wie im Fluge – oder besser: im Zuge. Mittlerweile 50 Minuten seit meiner ursprünglichen Suchanfrage.

Die Zeit ist an mir vorbeigeflogen. Und damit auch der Bahnhof, an dem ich hätte aussteigen müssen.

Über Marvin Wanders

Marvin Wanders

Marvin Wanders, 31, ist freiberuflicher Texter, Blogger und passionierter Traveler. Mit seinem Rucksack reiste er durch weltweit fast 50 Länder – um dann festzustellen, dass er ein Land ziemlich vernachlässigt hat: Deutschland. Das holt er nun nach. Seit Juli 2015 bloggt er darüber, wie er seine Heimat kennenlernt. Und schreibt hier, was ihm auf seinen Fahrten mit der Bahn passiert.

Seinen Blog Have You Seen Germany findet man unter have-you-seen.com und bei Facebook.

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