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Bahn Zukunft Zug Entwurf

Auf Schienen von Berlin nach San Francisco

– Wie der Zug der Zukunft Flugzeuge und Schiffe ersetzen könnte.

Schneller, weiter, besser – beinahe in allen Lebensbereichen gilt heute dieses Motto. So auch im Schienenverkehr. Die Visionen reichen bis hin zu Bahnstrecken und Hochgeschwindigkeitszügen, die Kontinente miteinander verbinden. Doch wie müssen sich diese Züge, Strecken und Bahnhöfe verändern, damit mehr Menschen und Waren schneller und weiter befördert werden können? Forscher am Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrttechnik (DLR) in Stuttgart beschäftigen sich seit 2007 mit der Zukunft der Eisenbahn. Im Interview erklärt uns der Leiter des Projekts „Next Generation Train“ am DLR, Dr. Joachim Winter, wohin die Reise geht.

Der Zug der Zukunft in Bildern
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Herr Dr. Winter, werden wir in Zukunft mit Überschallgeschwindigkeit durch Vakuumröhren geschossen?

Das ist derzeit noch ein eher unrealistisches Szenario, für das wohl kaum Nachfrage besteht. Sicher ist aber, dass sich die Art des Reisens per Zug verändern wird. Der Zug der Zukunft wird sehr viel schneller als heutige Züge sein und damit viel weitere Distanzen im Tagessprung überbrücken können. Bis 2030 möchte die Europäische Union ein Drittel des Straßen- und Flugverkehrs auf die Schiene verlagern. Bis 2050 sogar die Hälfte.

Die Hälfte aller Flüge und Autofahrten abgreifen, ist ein sehr ehrgeiziges Ziel. Wie soll das erreicht werden?

Zunächst haben wir Konzepte für einen Ultrahochgeschwindigkeitszug entworfen, den Next Generation Train (NGT-HST). Mit diesem können wir die Reisezeit auf unserer Referenzstrecke Paris-Wien auf zirka fünf Stunden mehr als halbieren. Unter anderem dank leichterer Bauweise und verbesserter Aerodynamik sowie verbesserter Effizienz bei Antrieb und Steuerung. Ergänzend entwickeln wir den etwas langsameren NGT-LINK als Zubringer zu den Ultrahochgeschwindigkeitsstrecken. Und wir überlegen auch sogenannte Metrofahrzeuge für den Nahverkehr in die Planung aufzunehmen. Wir betrachten also die ganze Logistikkette von der Haustür bis zum Zielort. Unser Ziel ist, wenn sie so wollen, kein einzelner Zug, sondern ein Next Generation Railway-System.

Ist das auf den Personenverkehr beschränkt?

Nein, wir übertragen die Ergebnisse auch auf einen Hochgeschwindigkeits-Güterzug, den HGT-Cargo. Der könnte nicht nur Lkw ersetzen, sondern auch teurere und langsamere Schiffstransporte. Nicht umsonst gibt es die Überlegung, sowohl in China als auch in Russland, einen Tunnel unter der Beringstraße nach Nordamerika zu führen. Dann können Sie über die Transsibirische Eisenbahn ins amerikanische Schienennetz und bis Südamerika fahren. Natürlich ist das zunächst nur eine Idee, deren Realisierbarkeit  noch nicht feststeht.

Und das würde alles auf normalen Schienen stattfinden?

So denkt man im Augenblick. Das Problem ist nur, dass die Menschen größer werden.  Weil wir den Strom induktiv aus der Trasse übertragen, hätten wir ohne Oberleitungen oben noch freien Raum. Aber je schmaler und höher Züge sind, desto anfälliger sind sie für Seitenwind. Eventuell wäre es dann rein physikalisch günstiger, sie auf eine breitere Spur zu stellen.

Passen diese Züge dann überhaupt noch in einen Bahnhof?

Wenn wir von noch mehr Zuwachs für die Schiene ausgehen, dann stellt sich sowieso die Frage: Wie schaffen wir Platz für das erhöhte Fahrgastaufkommen? Dann brauchen wir breitere Bahnsteige und Zugänge zum Bahnhof, durch die mehr Menschen den Bahnhof flüssig betreten und verlassen können. Da kommen wir auf fünf Minuten, um in den Bahnhof einzulaufen, zu halten, Türen zu öffnen, aus- und einzusteigen, Türen zu schließen und loszufahren, damit der nächste Zug einfahren kann. Deshalb sehen unsere Planungen einen zweistöckigen Zugang zum Zug vor. Sowie Modelle, bei denen auf einer Seite ein- und auf der anderen ausgestiegen wird.

Und wann sind Sie fertig mit der Eisenbahn der Zukunft?

Da, wo wir mit Arbeitspaketen fertig sind und alle Technologien soweit getestet haben, dass wir sagen können: ‚ja, das ist soweit, dass die Industrie daraus ein Produkt machen könnte‘, stellen wir natürlich die Arbeiten ein und denken über andere Problematiken nach. Das heißt, schon während der Projektlaufzeit wird Stück für Stück Wissen an die Industrie übergeben.

Die Zukunft hat also schon begonnen?

Ja, wir haben jetzt gerade 36 volle Forschungsstellen, die an dem Projekt arbeiten. Da ist die Breite der innovativen Ergebnisse doch recht hoch.

Über den Projektleiter von "Next Generation Train"

Dr. Joachim WinterDr.-Ing. Joachim Winter ist seit 2008 Leiter des Projekts „Next Generation Train“ (NGT) am Institut für Fahrzeugkonzepte des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) in Stuttgart. In den vergangenen Jahren hatte er verschiedene leitende Positionen bei großen Unternehmen im Bereich der Luftfahrttechnik und Fahrzeug-Forschung inne. 2013 wurde er zum Seniorwissenschaftler ernannt.

 

 

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