5. Zuglabor in Miltenberg: Bahnkunden testen neues Licht- und Klangkonzept

– Mehr als 50 Kunden aus ganz Deutschland testeten am 11. und 12. Oktober die Wirkung von Licht und Klang im Zug. Wir waren mit dabei.

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or den Fenstern der Regionalbahn nach Miltenberg zieht die Herbstlandschaft in leuchtenden Farben vorbei, tiefblau strahlt der Himmel über rotgelbem Weinlaub. Doch die Fahrgäste haben keinen Blick für die Bilderbuchkulisse. Sie sind im Dienst der Wissenschaft unterwegs, als Tester und Probanden für DB Regio. „Reserviert für Marktforschung“ steht an der Glaswand zum Abteil. Kabel schlängeln sich zu Lautsprecherboxen, ein Kameramann bringt sich in Stellung, denn jetzt zieht der Mann am Laptop die Regler hoch.

Seit 2011 lädt die DB Regio regelmäßig ihre Kunden ein, Ausstattung und Service in ihren Fahrzeugen zu testen. Dieses Zuglabor ist dennoch eine Premiere. Es geht darum, etwas zu testen, was noch gar nicht auf dem Markt ist – vielleicht aber in Zukunft Einzug in Regionalzüge bundesweit halten könnte: Eine sanfte Hintergrundbeschallung etwa, oder eine moderne LED- Beleuchtung, die sich an die Tageszeiten anpasst.

„Klasse Idee, dass man mal gefragt wird“ C. Riesebeck, Tester aus Norddeutschland

Ankunft am Bahnhof Miltenberg. Dort hat das Zuglabor seit kurzem eine feste Heimat gefunden. Die Probanden ziehen in einen Regionalzug der Westfrankenbahn um, der zum Teststudio umfunktioniert wurde: Wo sich normalerweise das Gepäck stapelt, hängen jetzt Kameras, von der Decke strahlen drei LED-Platten mit jeweils 300 Watt. Sie lassen sich stufenlos von gleißender Helle bis zu warmem Schlummerlicht dimmen.

Um das wichtigste Ergebnis gleich vorwegzunehmen: Nicht alle Szenarien punkten gleich gut bei den Testern. Aber die Tatsache, dass die Bahn Kunden einlädt und ihre Meinung einholt, kommt sehr gut an. „Zum ersten Mal werden die Kunden bereits im Vorfeld bei der Entwicklung neuer Produkte im multisensorischen Bereich mit einbezogen.“ erklärt Muriel Girard-Reydet, Projektleiterin bei der DB Konzernmarktforschung. Sie hat zusammen mit Ipsos, einem externen Marktforschungsinstitut aus Hamburg, das Projekt marktforscherisch umgesetzt. Ausführlich und intensiv befragen die Marktforscher die Reisenden. Was haben sie wahrgenommen? Woran erinnern sie die Klänge? Wie finden Sie das Licht? Was für Emotionen löst es aus?

Es gibt kein Richtig und kein Falsch

Suggestionen, Ablenkungen und Kontrollfragen sind tabu. „Es gibt kein Richtig und kein Falsch“, sagt Herr Berkensträter von Ipsos. „Wir führen ein offenes Gespräch auf Augenhöhe. Unser Ziel ist es, die Bahn über die Stärken und Schwächen ihrer Angebote zu informieren. Da können uns auch 50 völlig unterschiedliche Meinungen helfen.“
Tatsächlich ist die Bandbreite der Reaktionen groß. Von der Vorbereitung auf den Feierabend bis zu Meeresrauschen mit Möwenrufen reichen die Assoziationen. Im fahrenden Zug ist der Soundteppich allerdings kaum wahrnehmbar. Einige Probanden sehen das Angebot kritisch, anderen wiederum gefällt es gut. „Ich kann mir vorstellen, dass warmes, helles Licht in Kombination mit Entspannungsmusik eine aggressionshemmende Wirkung hat“ sagt Frau Mulinski. Sie pendelt seit 14 Jahren im Regionalzug zur Arbeit. Gegen mehr Wohlfühl-Atmosphäre am Morgen hätte sie nichts einzuwenden.
Der Gedanke an Wellness im Zug kommt nicht von ungefähr. Längst ist wissenschaftlich bewiesen, dass Geräusche und Licht die Stimmung von Reisenden beeinflussen. „Auch wenn man die Geräusche nur unterbewusst wahrnimmt, hat das positive Effekte“, erklärt Herr Thesing von der Firma Comevis, der den Soundteppich mitentwickelt hat.

Lieber sanftes Geklingel oder schrilles Beep-beep?

Comevis Firmengründer Nölke sitzt im Monitorraum des Zuglabors, ein Headset auf den Kopf und verfolgt die Befragungen. Das Multifunktionshaus ist mit modernster TV-, Video- und DVD-Technik ausgestattet. Auf einem Monitor sind vier Kameras aus dem stehenden Triebwagen zugeschaltet, ein anderer überträgt die Diskussionen aus dem angrenzenden Gruppenraum.
Dass Nölke live und ungefiltert die Reaktionen der Bahnkunden auf seine Geräuschkulisse mitbekommt, hält er für äußerst wichtig: „Wir sehen das als wertvolle Anregung für die Weiterentwicklung unserer Produkte.“ Im Grunde ginge es doch nur um eines: Die Zugfahrt für die Reisenden attraktiver zu machen.

Daher wird in Miltenberg auch ausprobiert, inwieweit die Kombination von Licht und Klang den Fahrgästen wertvolle Signale geben kann: Macht es Sinn, Reisende auf die Einfahrt in einen Bahnhof mit einer dezenten Lichthupe hinzuweisen? Oder irritiert das eher? Wie müssen sich die Signaltöne anhören, die auf das Öffnen und Schließen von Zugtüren hinweisen – eher länger und melodisch oder kurz und prägnant?

Familien finden Geräuschkulisse gut

Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Am Abend ziehen Marktforscher, Hersteller und Bahnmitarbeiter ein erstes, grobes Fazit: Der Peak in der Deckenbeleuchtung ist den meisten zu hell. Die jüngeren Nutzern und die Familien bewerten die Idee von Licht und Klang im Regionalexpress positiver als die Berufspendler. Beim Türsignal entscheiden sich die meisten für ein melodisches Set – bis auf die Seh- und Hörbehinderten, die einen deutlich erkennbaren Hinweiston bevorzugen.

Es geht darum, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, um für alle ein angenehmes Ambiente zu schaffen . „Die Ergebnisse der Tests haben uns bestärkt, mit den Lichteffekten und Geräuschkulissen weiterzuarbeiten“ sagt Sandra Khan, die Projektleiterin des Zuglabors. Vorstellbar sei, eine bestimmte Zone in den Regionalbahnen oder nur ein Abteil für das Licht- und Klangkonzept zu reservieren, so dass die Reisenden die Wahl haben. Was die neuen Signaltöne für die Türsteuerung anbelangt – die könnten kurzfristig realisiert werden. Die Westfrankenbahn hat bereits Interesse signalisiert.

In unserem Video erhalten Sie einen Eindruck von dem Tag in Miltenberg:

Im neuen Zuglabor von DB Regio im bayerischen Miltenberg testeten am 11. und 12. Oktober 2015 mehr als 50 Teilnehmer ein innovatives Licht und Klangkonzept. Das besondere daran: Die Produkte sind noch in der Entwicklungsphase und die Teilnehmer können direkt Rückmeldung zu dem aktuellen Stand geben.

5. Zuglabor „Licht & Klang“

Was wurde getestet?
Unterschiedliche Licht- und Klangszenarien im Zug. Bewertet wurden außerdem neu komponierte Funktionsklänge zur Türfreigabe, -öffnung und –schließung.

Wer durfte testen?
Die Teilnehmer wurden nach standardisierten Vorgaben der Marktforschung ausgewählt, und zwar so, dass sie das Kundenspektrum der DB Regio abbilden: Familien mit Kindern, Jugendliche im Alter von 18-25 Jahren, Berufspendler, Geschäftsreisende, Senioren, Personen mit Beeinträchtigungen. Zusätzlich wurden Leserreporter und Bahnkunden eingeladen, die sich über Tageszeitungen und Social Media Kanäle beworben haben.